„Sollte Theologie wirklich noch an Universitäten gelehrt werden?“

In einem Interview mit dem BRalpha sprach Prof. Dr. Johanna Rahner von der Universität Tübingen jüngst darüber, warum Theologie weiterhin an Universitäten gelehrt werden sollte. Gastautor Robert Wolf wendet sich in einem offenen Brief an Prof. Dr. Rahner, welchen wir auf seine Bitte hin sehr gerne veröffentlichen. 

Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Johanna Rahner,

ich wende mich an Sie, da ich Ihr Interview im Fernsehsender BRalpha auf deren Internetseite
interessiert nachverfolgt habe. Es ist ein spannendes und aktuelles Thema, das dort neben vielen anderen angeschnitten wird: Ist Theologie an Universitäten noch zeitgemäß?
Ich selbst studiere LER (Lebensgestaltung Ethik Religionskunde) und Musik auf Lehramt an der Universität Potsdam, aufgrund meines Faches beschäftige ich mich also auch mit Religion, jedoch ohne konfessionelle Bindung, ich bin wie das Fach selbst konfessionslos.
Es ist eine Frage über die ich mir schon selbst oft Gedanken gemacht habe, jedoch zu einer anderen Schlussfolgerung komme als Sie: Ich denke, Theologie gehört nicht mehr an die Universität. Im folgenden möchte ich beschreiben warum ich dieser Ansicht bin und dabei auch auf andere Aspekte des Interviews Bezug nehmen.

Zu Beginn des Interviews wird Ihnen die Frage gestellt „Warum gehört Theologie an die Universität?“. Sie nehmen kurz Bezug auf die Geschichte, verweisen dann aber auf den Umstand, dass an Universitäten die Theologie als Feld mit „festen Überzeugungen“ in den Diskurs mit anderen Disziplinen treten kann.
Zunächst muss ich Ihnen mit Blick auf die Geschichte Recht geben: Ja, Theologie hat genaugenommen gar universitäre Bildung begründet, die ersten Gelehrtenschulen in Europa waren Klöster, erst nach und nach kamen adere Disziplinen hinzu. Wie auch bei vielen anderen Traditionen gibt die lange Geschichte einer Gegebenheit trotzdem keine Daseinsberechtigung, in meinen Augen. Viele überholte Traditionen werden nach und nach von der Gesellschaft abgeschafft und als unzeitgemäß eingestuft.

Ihr nächster Punkt ist mit Blick auf den wissenschaftlichen Diskurs aber tatsächlich noch
bedeutsamer: Dass Theologie an Universitäten mit anderen Disziplinen in Dialog treten kann, gerade weil es ein Fach mit einem festen Überzeugungskern ist. Genau hier setzt die Kritik von Richard Dawkins an. „Ich warte noch immer auf einen stichhaltigen Grund für die Annahme, dass die Theologie (im Unterschied zu historischer Bibelkunde, Literatur usw.) überhaupt ein
Forschungsgegenstand ist.“ (Richard Dawkins, 2011-08-12/“Der Gotteswahn“ (p.82)). Theologie sei nach Dawkins unwissenschaftlich, da sich Wissenschaft und wissenschaftliches Arbeiten unter anderem dadurch auszeichnet, nicht voreingenommen zu denken. Das festhalten an „Überzeugungen“ und „Glaubenssätzen“ läuft der Idee einer sich der jeweiligen Erkenntnislage anpassenden Wissenschaft grundsätzlich zuwider. Es ist von vornherein ausgeschlossen ist, dass Theologen gewisse Teile ihrer Überzeugung hinterfragen oder als falsch erkennen, da ihre berufliche Existenz davon abhängt. „Wenn ich als Wissenschaftler dagegen an Dinge glaube (beispielsweise an die Evolution), dann nicht deshalb, weil ich ein heiliges Buch gelesen hätte, sondern weil ich die Belege untersucht habe.“ (Richard Dawkins, 2011-08-12/“Der Gotteswahn“ (p. 391)). Diese Voreingenommenheit widerspricht wissenschaftlichem Arbeiten und hat daher meiner Meinung nach an Universitäten nichts zu suchen.

Um auf Ihren Punkt des Diskurses von Theologie mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen
zurückzukommen: Sicher mag dieser Diskurs für die Theologie interessant sein, da so erprobt werden kann, wie mit den großen Widersprüchen zur Wissenschaft und den moralischen Werten der heutigen Zeit umzugehen sei und wie sich das strikte Regelwerk der Bibel so umdeuten lässt, dass es vor einer heutigen Hörerschaft halbwegs akzeptabel erscheint, „den aktuellen Kontext berücksichtigen“, wie Sie sagen. Für die Wissenschaft als solches bietet dieser Diskurs jedoch wenig Zugewinn, da die Theologie in allen evidenzbasierten wissenschaftlichen Bereichen wenig hinzuzufügen hat. Häufig wird der Theologie daher die Rolle des moralischen Ratgebers zugewiesen, denken wir an Ethikkommissionen in denen häufig auch Glaubensvertreter zu finden sind. Warum sollte aber ein Theologie zu einer
beliebigen moralischen Frage eine höhere Kompetenz besitzen als etwa ein Mikrobiologe,
Literaturwissenschaftler oder Mediziner? Ihre Aussage „Ich glaube das ist ganz gut für beide Seiten, dass Theologie an der Universität ihren Platz hat.“, hat mich gewundert. Was kann die Theologie Ihrer Meinung nach den anderen wissenschaftlichen Disziplinen an Zugewinn bieten? Schade, dass Sie diesen Punkt nicht ausgeführt haben.

Die Idee, Theologie auszulagern, in die Gemeinden oder in Theologieschulen und ähnliches finde ich gut, damit wäre sicher gestellt, dass Interessenten der Theologie an den jeweiligen Einrichungen ihren jeweiligen Glauben intensiver studieren können. Gleichzeitig würde eine solche Regelung deutlicher machen, dass Theologie mit tatsächlichem wissenschaftlichen Arbeiten wenig gemein hat.
Auch ich denke Religion ist „Privatsache“, oder viel mehr Sache der jeweiligen Religion selbst, d.h. die betreffende Religion sollte selbst für eine angemessene Ausbildung ihrer Gelehrten Sorge tragen.
Ein weiterer erwähnenswerter Punkt wäre hier die Gleichberechtigung anderer Religionen. Wenn wir die christliche Theologie in einem großen Maßstab an deutschen Universitäten erlauben und diese staatlich fördern, so stellt dies eine große Benachteiligung der anderen Religionen dar.
Nun ist mir bekannt, dass vor allem die islamische Theologie vermehrt gefördert wird, so schreibt das Bundesamt für Bildung und Forschung: „Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert seit 2011 für zunächst fünf Jahre mit rund 20 Millionen Euro die Zentren für Islamische Theologie in Frankfurt (mit Gießen)“. Diese Entwicklung, die sie ja auch für ihre eigene Universität dargestellt haben, finde ich angesichts der über vier Millionen in Deutschland lebenden Muslime mehr als überfällig.
Dies wirft jedoch auch eine Abgrenzungsfrage auf. Das Studium welcher Glaubensrichtung und
Religion wird an Universitäten zukünftig angeboten? Nur jene mit den meisten Mitgliedern? Dies scheint mir reichlich beliebig. Würden wir also Lehrstühle für Scientology-Theologie anbieten, sofern Scientology nur eine kritische Masse an Mitgliedern akquiriert?
Diese Frage scheint überspitzt, was jedoch ist der Grund, dass christliche Theologie nach wie vor so stark gefördert wird, dass die Studienbedingungen so deutlich besser sind als bei den meisten anderen Studienrichtungen? „In keinem anderen Fach kommen so wenige Studenten auf so viele Professoren.“ schreibt ZEIT ONLINE 2012. Laut diesem Artikel seien 70 Teilnehmer in einem Seminar bereits „exorbitant viele“, was ich angesichts der chronisch überfüllten Seminare und Vorlesungen in so vielen anderen Studienbereichen doch reichlich ungerecht finde.

Im zweiten Teil des Intervies äußern Sie, dass „im 21. Jhd. die Religionskritiker Religion immer nur an ihrem Gewaltpotenzial wahrnehmen“. Dem möchte ich mit Verweis auf die internationale Skeptiker Szene und die Brights Bewegung entschieden widersprechen. Der Biologe Richard Dawkins beispielsweise, wohl einer der bekanntesten zeitgenössischen Religionskritiker kritisiert Religion als Ganzes, wie oben bereits zitiert, Gewalt ist da selbstverständlich ein Thema, jedoch geht seine Kritik weiter. Vertreter der Skeptiker und Brights Bewegung betonen am häufigsten, dass Religion schlicht „unlogisch“ oder ein Fantasiekonstrukt ist. Der bekannte amerikanische Illusionskünstler und Skeptiker James Randi äußerte beispielsweise: „Religious people can’t be argued with logically, because they claim that their beliefs are of such a nature that they cannot be examined, but just “are.”

Abgesehen davon gibt es zahlreiche zeitgenössische Religionskritiker, welche sich beispielsweise mit Bibelkritik auf Grundlage geschichtlicher Belege konzentrieren, die moralischen Ansichten der Bibel kritisieren, die größtenteils frauenfeindlichen und homophoben Ansichten der katholischen Kirche kritisieren, oder sich gar mit einzelnen religiös-fundamentalistischen Strömungen beschäftigen.
Die Landschaft der Religionskritik ist also eine sehr vielfältige, wie sie zu Ihrer Aussage kommen ist für mich daher nicht schlüssig. An diesem Punkt möchte ich meine Ausführungen beenden, ich habe versucht auf einige Ihrer Aussagen kritisch Bezug zu nehmen.

Ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich mir vorbehalte, diese Email im Internet auf Blogs zu
veröffentlichen, um eine breitere Diskussion mit Kommilitonen und anderen Interessenten zu
ermöglichen. Zu diesem Zweck würde ich auch eine eventuelle Antwortmail Ihrerseits wörtlich zitieren, bzw veröffentlichen, falls dies für Sie in Ordnung wäre.
Ich danke Ihnen für Ihr Interview im BRalpha, die Auseinandersetzung mit dem Thema finde ich sehr spannend.

Mit freundlichen Grüßen
Robert Wolf

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