Homöopathie – kritisch und kompakt

Teil 1: Was ist Homöopathie?

„similia similibus curentur.“ Zu deutsch: „Ähnliches möge mit Ähnlichem geheilt werden.“
Was wie ein Zauberspruch aus den Harry-Potter-Romanen klingt, ist in der Realität ein Teil des homöopathischen Grundkonzepts, das ich hier kurz vorstellen möchte. Denn das homoöpathische Grundkonzept oder die Homöopathie existiert nicht. Deswegen möchte ich mich hier auf die klassische Homöopathie beschränken, die von dem deutschen Arzt Samuel Hahnemann ca. 1796 begründet wurde. Auf die Geschichte der Homöopathie wird im nächsten Teil eingegangen.

Brechnüsse helfen gegen Übergeben?
Dieses oben bereits beschriebene Grundkonzept ist einfach am Beispiel der Brechnuss (lat. Nux vomica, engl. vomit = übergeben) zu erklären. Ein Mittel, das die gleichen Symptome wie die zu behandelnde Krankheit auslöst, wird zur Heilung verwendet. In anderen Worten: Durch die Brechnuss muss man sich übergeben, also hilft sie auch dagegen. Hahnemann selbst wendet dieses Konzept, das schon bei den alten Griechen Anklang fand, auf alltägliche Situationen an und beschreibt so das Ähnlichkeitsgesetz als Lebensgesetz:

„Womit pflegt man in, von übeln Gerüchen angefüllten Oertern [=Orten], die beleidigten Nasennerven wirksam zufrieden zu stellen? Durch Schnupftabak, der den Geruchssinn ähnlich, aber stärker ergreift! Keine Musik, kein Zuckerbrod, die auf die Nerven andrer Sinne Bezug haben, würde diesen Geruchs-Ekel heilen.“
aus Gießler et al.: Leitfaden Homöopathie, 2. Auflage 2009, Elsevier Verlag, S.17 f.,
Nach: Hahnemann, Organon §26

Anhand dieses Zitats möchte ich verdeutlichen, dass die klassische Homöopathie Regeln folgt, die auf Alltagsbeobachtungen vergangener Jahrhunderte beruhen. Arzneimittelforschung wird heutzutage anders betrieben. Ein Arzneimittel muss in einem langwierigem Testverfahren zuerst auf seine Unbedenklichkeit für den Menschen und dann auf seine bessere Wirksamkeit gegenüber bereits verwendeten Medikamenten getestet werden. Homöopathika genügen diesem Anspruch nicht.

Vis vitales, die Lebensenergie

Nach Hahnemann existiert in jedem lebenden Wesen eine Lebensenergie, die durch den negativen Einfluss schlechter Agens (lat. = das Wirkende) gestört wird.

„Alle solche krankhafte Verstimmungen (die Krankheiten) könne auch durch den Heilkünstler nicht anders von ihr [der Lebenskraft] entfernt werden, als durch geistartige (dynamische, virtuelle) Umstimmungskräfte der dienlichen Arzneien auf unsere geistartige Lebenskraft.“
aus Gießler et al.: Leitfaden Homöopathie, 2. Auflage 2009, Elsevier Verlag, S.19,
Nach: Hahnemann, Organon §16

Demnach wirken Medikamente auf eine geistartige Lebenskraft, deren Nachweis die Homoöpathie uns schuldig bleibt. Pharmazeutische und medizinische Forschung fokussiert sich z.B. auf die Untersuchung von Stoffwechselprozessen, die bei einer Fehlregulierung zu einer Krankheit führen können. Oder es werden Antiinfektiva, Mittel gegen Erreger von Infektionskrankheiten, erforscht. Hier ein einfaches Beispiel:
Penicillin ist ein Antibiotikum, das viele bestimmt aus dem Biologieunterricht kennen. Es hemmt spezifisch die Zellwandsynthese der Bakterien, die eine Zellwand besitzen. Penicilline wirken z.B. gegen den Erreger Clostridium tetani, der zu Tetanus führt, oder gegen Meningokokken, die eine Hirnhautentzündung verursachen können. Hier kann also sehr spezifisch eine Krankheitsursache benannt werden, die durch bestimmte Medikamente, die in klinischen Studien geprüft wurden, behandelt werden können. Eine solche Form der Arzneimittelprüfung existiert auch in der homöopathischen Lehre, jedoch folgt sie ganz anderen Regeln.

Die Arzneimittelprüfung
Während einer homöopathischen Arzneimittelprüfung werden Potenzen eines Stoffes an Gesunden getestet, die bestimmte Krankheitssymptome hervorrufen sollen. Eine Potenz ist in diesem Fall eine Verdünnung eines gelösten Stoffes. Häufig werden hierbei D-Potenzen verwendet. Eine Lösung nach D1 ist demzufolge 1:101 mit Wasser vermischt worden. In dieser geringen Verdünnung sind noch Teilchen der gelösten Verbindung vorhanden. Zum Beispiel wäre in dieser Potenz das Homöopathikum Arsenicum albicum (Arsen(III)-oxid) bei oraler Aufnahme tödlich. Deswegen werden bei dieser Arzneimittelprüfung hohe Potenzen eines Stoffes verwendet. Eine häufig gebrauchte Potenz ist D6, bei der der verwendete Stoff zu 1:106 verdünnt wird. Bei dieser Verdünnung übersteigt die Menge an Verunreinigungen im verwendeten Wasser die Anzahl der noch in der Lösung vorhandenen Teilchen der Urtinktur. Hierfür muss die Lösung zudem verschüttelt werden, d.h. sie muss pro Verdünnungsschritt mindestens 10-mal gegen einen Ledereinband geschlagen werden.

Wie sollen Homöopathika wirken?
Eine Metaanalyse zu der Wirksamkeit von Homöopathika im Lancet, einem der angesehensten medizinischen Journals weltweit, zeigte 2005, dass die Wirkung homöopathischer Mittel dem des Placeboeffekts entspricht. Hierbei wurden die Ergebnisse von 110 placebokontrollierten Studien zu verschiedenen Homöopathika mit der gleichen Anzahl von Studien zu der Wirksamkeit von konventionellen Arzneimitteln verglichen. Die Autoren Shang et al kommen dabei zu folgendem Ergebnis:

„Our results confirm these hypotheses: when analyses were restricted to large trials of higher quality there was no convincing evidence that homoeopathy was superior to placebo, whereas for conventional medicine an important effect remained. Our results thus provide support for the hypothesis that the clinical effects of homoeopathy, but not those of conventional medicine, are unspecific placebo or context effects.“ (Shang et al., 2005),
Quelle: Shang, A., Huwiler-Müntener, K., Nartey, L., Jüni, P., Dörig, S., Sterne, J.A., Pewsner, D., Egger, M., 2005. Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy. The Lancet 366, 726–732.

Deutsch: Unsere Ergebnisse bestätigen diese Hypothesen: Wenn Analysen auf große Versuche mit höherer Qualität begrenzt wurden, gab es keinen überzeugenden Nachweis, dass [die Wirkung von] Homöopathika [der Wirkung von] Placebos überlegen sind, wohingegen konventionelle Medizin einen bleibenden Effekt erreichte. Deswegen unterstützen unsere Ergebnisse die Hypothese, das die klinische Wirkung von Homöopathie, aber nicht die Wirkung konventioneller Medizin, eine unspezifische Placebo- oder Kontextwirkung ist.

Shang et al. heben demnach hervor, dass homöopathische Mittel durch den Placeboeffekt wirken. In einer Stellungsnahme des wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer werden Placebos als Scheinarzneimittel definiert, die keine pharmakologisch wirksame Substanz enthalten. Der Placeboeffekt ist der Effekt von Erwartung, Erfahrung und Arzt-Patienten-Beziehung. Einerseits kann der Placeboeffekt als unbewusster Lerneffekt erklärt werden, andererseits wird er auch als Erwartungseffekt des Patienten beschrieben. Ein Homöopathikum wirkt also nur über den Placeboeffekt, während ein konventionelles Arzneimittel, wie z.B. Penicillin, sowohl einen Placeboeffekt als auch einen spezifischen Effekt durch einen Wirkstoff besitzt. Auch einige pflanzliche Mittel wie z.B. Johanniskraut werden in der konventionellen Medizin verwendet und haben einen spezifischen Effekt. Deswegen ist es mir wichtig hervorzuheben, das Homöopathika keine pflanzlichen Wirkstoffe enthalten können, da sie in den häufig verwendeten hohen Potenzen zu stark verdünnt sind, um pharmakologisch wirken zu können.

von Elisa Tackmann

Zum Weiterlesen:
Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer „Placebo in der Medizin“:
http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/Placebo_AK_neu.pdf
Quellen: Gießler et al.: Leitfaden Homöopathie, 2. Auflage 2009, Elsevier Verlag
Martin Lambeck: Homöopathie: Wo bleiben die Nobelpreise? GWUP, 17. Mai 2010, abgerufen am 20. April 2016.
http://www.seilnacht.com/Chemie/ch_arsen.htm, abgerufen am 24. April 2016