Homöopathie – kritisch und kompakt II

Teil 2: Die Geschichte der Homöopathie bis heute

Die Medizin des 18. Jahrhunderts
Um Hahnemanns Konzept der Homoöpathie besser verstehen zu können, lohnt es sich, einen Blick auf die Medizin seiner Zeit zu richten. Denn Ende des 18. Jahrhunderts gab es die Medizin, wie wir sie heute kennen, noch gar nicht. Viele verschiedene Konzepte von Gesundheit, der Behandlung von Krankheit oder gar von Wissenschaft an sich kursierten im akademischen Diskurs. Ein beliebtes und weit verbreitetes Konzept war das der Humoralpathologie, die oft auch Vier-Säfte-Lehre genannt wird. Demnach entstehen Krankheiten aus einem Ungleichgewicht von vier Säften des menschlichen Körpers: Blut, schwarze und gelbe Galle sowie Schleim. Diese Idee ist über 2.400 Jahre alt und wird dem griechischen Arzt Hippokrates und seinen Schülern zugeschrieben.

Zellularpathologie
Die damalige Medizin war viel stärker durch Glauben und Aberglauben geprägt als heutzutage und zahlreiche biomedizinische Grundlagen waren noch nicht entdeckt worden. Theorien wie die Vier-Säfte- Lehre waren teils rein spekulativ oder basierten auf Einzelfallbetrachtungen. Erst vor fast 200 Jahren entwickelte der deutsche Arzt Rudolph Virchow die Zellularpathologie nach Ideen seiner Vorgänger. Folgt man der Zellularpathologie, ist die Zelle der kleinste lebende Teil eines Organismus und somit zeigen sich Krankheiten ebenso in der Veränderung dieser Zellen.

„Unter dem Mikroskop des Biologen löst sich alles Lebende in kleine Elemente auf. […} haben wir gezeigt, daß diese kleinen Elemente, die Zellen, die eigentlichen Herde des Lebens und demnach auch der Krankheit, die wahren Träger der lebendigen, pflanzlichen oder tierischen Funktion sind, an deren Existenz das Leben gebunden ist. […] Das Leben residiert also nicht in den Säften als solchen, sondern nur in den zelligen Teilen derselben.“
aus: http://www.pathologie.uni-wuerzburg.de/en/geschichte/virchow_in_wuerzburg/forschung/zellularpathologie/erstpublikation/ (aufgerufen am 08.05.2016)

Diese Zellularpathologie Virchows legte die Grundlagen für unser heutiges Verständnis von Krankheiten und deren Behandlung.

Die Kritik Samuel Hahnemanns
Doch dieses Konzept existierte zu Hahnemanns Zeit noch nicht. Eine von dem um 200 n. Chr. lebenden griechischen Arzt Galen überarbeitete Vier-Säfte-Lehre war damals ein aktueller Grundsatz der Krankheitsvorstellung und -therapie. Demnach war es Ziel einer Behandlung die krankheitsverursachenden Körpersäfte aus dem Organismus zu entfernen, u.a. durch Aderlass oder Erbrechen. Diese wenig spezifischen Maßnahmen schwächten Erkrankte zusätzlich und konnten so den häufig tödlichen Verlauf verbreiteter Infektionskrankheiten wie Cholera noch verschlimmern. Die Kritisierung dieser Prozeduren ist ein Verdienst Samuel Hahnemanns. Seine Thesen stellte Hahnemann in seinem Gesamtwerk, dem Organon der Heilkunde, dar. Dessen Erstauflage erschien 1810 in Deutschland. Für eine weitere Verbreitung der Homöopathie sorgten Schüler Hahnemanns und zahlreiche Laienvereine, deren Anzahl sich seit den 1870er Jahren schlagartig erhöhte.

Die Entwicklung der Homöopathie nach Hahnemann
Unter den Nationalsozialisten wurde der Deutsche Verein Homöopathischer Ärzte gleichgeschaltet und staatlich unterstützt. Nach Ende des zweiten Weltkrieges fand die Homöopathie in der BRD als alternative Heilmethode unter Laien wieder Popularität. In der DDR wurden zwar homöopathische Arzneimittel hergestellt, jedoch folgte im Jahr 1961 eine öffentliche Ächtung.
Seit der Wiedervereinigung besitzt die Homöopathie eine steigende Beliebtheit. Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach haben im Jahr 2014 60% der Befragten (1.503 Personen über 16 Jahre) angegeben, homöopathische Mittel zu verwenden. Mit der Bekanntheit stieg auch das wissenschaftliche Interesse, jedoch distanziert sich z.B. die Medizinische Fakultät der Universität Marburg in ihrer Marburger Erklärung im Jahr 1992 von der Homöopathie und verwirft sie als Irrlehre. Der wissenschaftliche Beweis einer spezifisch pharmazeutischen Wirkung von Homöopathika blieb bis heute aus.

Homöopathie international
Bereits in den 1830er Jahren wurde Homöopathie auch in England und Indien praktiziert.
In den USA wurden im gleichen Zeitraum zahlreiche homöopathische Colleges für die Ärzteausbildung gegründet. Trotzdem erfuhr dort die Homöopathie Anfang des 20. Jahrhunderts aufgrund des wissenschaftlichen und damit auch medizinischen Fortschritts ihren Niedergang. Durch pharmazeutische Forschung und die stärkere Subspezialisierung der Medizin wurden Therapien noch spezifischer.

Homöopathie heute in Deutschland
Verschiedene im weitesten Sinne im Gesundheitssystem arbeitende Berufsgruppen üben hierzulande eine mehr oder weniger an Hahnemann angelehnte Homöopathie aus.
Unter anderem auch Ärzte. Um sich in Deutschland Facharzt oder Fachärztin nennen zu dürfen, muss man nach Abschluss des Abiturs 6 Jahre an einer Universität studieren und danach 4 bis 5 Jahre in einer Klinik eine Facharztausbildung machen. Als Facharzt darf man nur als Homöopathiker tätig sein, wenn man hierzu eine Weiterbildung besucht. Laut Wikipedia gab es im Jahr 2009 6.712 Ärzte mit dieser Zusatzbezeichnung, 2015 wurden durch die Bundesärztekammer jedoch insgesamt 371.300 berufstätige Ärzte in Deutschland gezählt. Demnach praktiziert nur ein sehr kleiner Anteil Homöopathie (1,8%). Auch Heilpraktiker dürfen diese Zusatzbezeichnung führen. Jedoch ist die Ausbildung zum Heilpraktiker nicht staatlich geregelt. Um sich Heilpraktiker nennen zu dürfen, muss man mindestens einen Hauptschulabschluss erworben haben, älter als 25 Jahre sein sowie ein polizeiliches Führungszeugnis und ein ärztliches Attest vorzeigen. Zudem muss man einen mündlichen und schriftlichen Test zu medizinischen Grundlagen ablegen. Laut einer Schätzung des statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2011 gibt es in Deutschland ca. 35.000 Heilpraktiker.
Auch sogenannte Heiler sind homöopathisch tätig. Der Begriff Heiler ist in Deutschland nicht geschützt, d.h. jeder darf als Heiler Homöopathie, aber auch andere nicht evidenzbasierte Methoden, anwenden. Zusammenfassend lässt sich eine interessante Entwicklung der Homöopathie von einer Theorie als Alternative und Kritik der Vier-Säfte-Lehre zu einer Heilmethode, deren Heilkraft sich nachgewiesenermaßen auf die Wirksamkeit des Placeboeffekts beschränkt, nachzeichnen.

von Elisa Tackmann

Quellen:
Buch: Natalie Grams – Homöopathie neu gedacht, Springer Spektrum 2015
https://de.wikipedia.org/wiki/Hom%C3%B6opathie (abgerufen am 05.05.2016)
http://www.aerzteblatt.de/archiv/47087 (abgerufen am 05.05.2016)
http://www.pathologie.uni-wuerzburg.de/en/geschichte/virchow_in_wuerzburg/forschung/zellularpathologie/ (abgerufen am 05.05.2016)
Ärztestatistik: http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/Statistik2015/Stat15AbbTab.pdf (abgerufen am
05.05.2016)
Destatis:
https://www.destatis.de/GPStatistik/servlets/MCRFileNodeServlet/DEHeft_derivate_00010420/2120731117004.pdf;jsessionid=C278E29650E70337A61C7F4318B1773A (abgerufen am 05.05.2015)
Teut, M., Dahler, J., & Lucae, C. (2008). Koch, U.: Kursbuch Homöopathie. Kapitel 12 – Eine kurze Geschichte der Homöopathie
Umfrage zur Homöopathie durch das Institut für Demoskopie Allensbach,
http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/rezepte/article/871563/umfrage-homoeopathie-weiter-trend.html (abgerufen 05.05.2016)
http://www.aerzteblatt.de/archiv/90137 (abgerufen 05.05.2016)

Zum Weiterlesen:
Videoreihe zu Grundbegriffen der evidenzbasierten Medizin des Cochrane Instituts:
http://www.wissenwaswirkt.org/grundbegriffe-der-ebm-teil-1-evidenzbasierte-medizin-video (abgerufen am 05.05.2016)
Pressemitteilung zum Start des Informationsnetzwerks Homöopathie:
http://blog.gwup.net/2016/02/01/das-netzwerk-homoopathie-die-offizielle-presseerklarung/commentpage-3/ (abgerufen am 05.05.2016)

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