Homöopathie – kritisch und kompakt III

Teil 3: Was soll denn an Zuckerkügelchen gefährlich sein?

Was ist denn an Homöopathika kritisch zu sehen? Es sind doch nur harmlose Zuckerkügelchen. Sie wirken zwar nicht, aber wirklich schaden kann das Ganze doch nicht, oder?

Diese Fragen habe ich mir gestellt, als ich das erste Mal mit diesem Thema konfrontiert wurde.  Am 5. Februar 2011 fand die durch die GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) organisierte Aktion 10:23 in über 30 Staaten statt [1]. Hierbei wurden Überdosen von homöopathischen Mitteln eingenommen, um deren Unwirksamkeit zu demonstrieren. Im Fernsehen wurde auf mehreren Sendern von dieser Aktion berichtet. Und ich konnte mich damals nur wundern: Wer macht denn so ein Aufhebens um diesen Quatsch? 5 Jahre später und nach einiger Auseinandersetzung mit dem Thema bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Homöopathika Pseudomedizin sind, die potentiell gefährlich sein kann und eher schadet als nützt. Die Gründe hierfür werde ich im folgenden Text darstellen. Die durchnummerierten Quellen sind am Ende des Textes zu finden.

Statt herkömmlicher Medikamente Homöopathika einzunehmen ist bei kritischen Erkrankungen potentiell tödlich.
Bei schwerwiegenden Erkrankungen wie Krebs ist die alleinige Einnahme dieser Mittel nicht empfehlenswert. 2006 starb die Australierin Penelope Dingle an Komplikationen eines metastasierten Rektumkarzinoms, da sie sich an die Anweisungen ihrer Homöopathin hielt und auf die chirurgische Entfernung des Karzinoms verzichtete. Stattdessen erfolgte eine Behandlung mittels Vitaminkuren, Diäten und Homöopathika [2].
Die meisten VerwenderInnen von homöopathischen Mitteln würden wahrscheinlich im Fall einer lebensbedrohlichen Erkrankung auf eine evidenzbasierte Medizin vertrauen. Jedoch gibt es immer wieder traurige Einzelfälle wie Penelope Dingle, die aus nachvollziehbarer Angst und Verzweiflung auf ein Wunder durch Alternativmedizin hoffen. Und hier gilt es aufzuklären und zu warnen, damit Menschen in Todesangst keine falschen Hoffnungen gemacht werden.

Bis heute fehlt ein Wirksamkeitsnachweis für homöopathische Mittel.
Dies habe ich bereits in meinen vorherigen Blogeinträgen dargestellt. Der National Health and Medical Research Council der australischen Regierung bestätigte diese Kritik im März 2015 in einem Positionspaper:

„There was no reliable evidence from research in humans that homeopathy was effective for treating the range of health conditions considered: no good-quality, well-designed studies with enough participants for a meaningful result reported either that homeopathy caused greater health improvements than placebo, or caused health improvements equal to those of another treatment“
(National Health and Medical Research Council, 2015, S.6, siehe [3]).

Deutsch:
Die Forschung an Menschen hat keinen zuverlässigen Beweis erbracht, dass Homöopathie in der Behandlung einer Reihe an Krankheiten effektiv ist: keine qualitativ hochwertige, gut designte Studie mit genügend Teilnehmern für ein aussagekräftiges Resultat zeigte, dass Homöopathie eine größere Gesundheitsverbesserung verursachte als Placebo oder andere Behandlungen. Der National Health and Medical Research Council empfiehlt letztendlich, dass Homöopathika weder bei chronischen, schweren noch bei Krankheiten, die einen potentiell schwerwiegenden Verlauf entwickeln können, angewendet werden sollten [3]. Hier auf eine homöopathische Medikation zu vertrauen ist also nicht sinnvoll und zögert schlimmstenfalls eine ärztliche Behandlung hinaus.

Nicht-evidenzbasierte Alternativmedizin wird auf eine Ebene mit evidenzbasierter Medizin (EBM) gestellt.
EBM wird auch gerne abwertend Schulmedizin genannt, obwohl sie wenig mit dem auswendig gelernten Wissen aus verstaubten Schulbüchern gemein hat. Die Wirksamkeit der EBM muss in aufwendigen Studien bewiesen werden. Die Zulassung von neuen Medikamenten in Deutschland und Europa ist komplex. Hierbei muss das Medikament zuerst an wenigen gesunden Probanden, bei Unbedenklichkeit mit wenigen Kranken und im letzten Schritt mit vielen Erkrankten erprobt werden [4]. Für homöopathische Mittel gelten laut dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte nicht die gleichen Anforderungen. Sie müssen nur registriert werden [5].
Medikamente müssen auf ihre Wirksamkeit, ihr Nebenwirkungsspektrum, eine empfohlene Dosierung, Kontraindikationen und mögliche Interaktionen mit anderen Medikamenten hin untersucht werden. Das hierauf bei homöopathischen Mitteln verzichtet werden kann, weist daraufhin, dass von diesen Mitteln weder eine große Wirkung noch Nebenwirkung zu erwarten ist.

Auch Zuckerkügelchen können teuer sein.
Aufgrund der großen Nachfrage bieten viele private und auch einige gesetzliche Krankenkassen die Übernahme der oder eine Zuzahlung zu Kosten für homöopathische Mittel. Da Krankenkassen um die Gunst potentieller Mitglieder konkurrieren müssen, versuchen sie sich mittels dieser Zuzahlungen attraktiver für mögliche Kunden zu machen. Gesetzliche Krankenkassen (GKV) finanzieren sich aus dem Gesundheitsfond, der sich primär aus den Beiträgen der Versicherten speist. Das bedeutet, dass die finanziellen Mittel einer Krankenkasse begrenzt und vom Steuerzahler abhängig sind.

2014 haben in Apotheken und im Versandhandel verkaufte homöopathische Mittel einen Umsatz von 528 Millionen Euro erreicht [6]. Für Fertigarzneimittel mit monoklonalen Antikörpern gaben die gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2010 circa eine Milliarden Euro und die privaten Krankenkassen im Jahr 2011 105,2 Millionen Euro aus [7]. Monoklonale Antikörper sind Proteine, die spezifisch an zelluläre Strukturen binden können, und so u.a. in der Therapie von Krebs und Autoimmunerkrankungen eingesetzt werden [8]. Laut Fojo und Grady kostete 2009 die Behandlung gegen Lungenkrebs mit dem Antikörper Cetuximab in einem Zeitraum von 18 Wochen durchschnittlich 80.000 US-Dollar [9]. Das wissenschaftliche Institut der privaten Krankenversicherungen (PKV) schreibt zu den Kosten monoklonaler Antikörper:
„Die monoklonalen Antikörper leisten einen überproportionalen Beitrag zum Anstieg der Arzneimittelausgaben in der PKV. Von 2006 bis 2011 sind die PKV-Ausgaben je Versicherte für diese Präparate um 255 % gestiegen, während die Arzneimittelausgaben je Versicherten insgesamt nur um 19 % zunahmen. […] Ein zunehmender Altersschnitt in der Bevölkerung lässt für sich genommen bereits weitere Ausgabenerhöhungen erwarten. Die grundsätzlich positiv zu sehende Entwicklung innovativer Behandlungsmöglichkeiten sorgt auf Kostenseite für neue Herausforderungen“ (Wild, WIP 2012, S.25, siehe [6])

Hiermit möchte ich hervorheben, dass neue und innovative Medikamente sehr teuer sind und man es sich im Hinblick auf die begrenzten Mittel der GKV sehr genau überlegen muss, ob Homöopathika mit Kassenbeitragen finanziert werden sollten. Außerdem entkräftet dies zumindest etwas das Argument vieler Homöopathie-Befürworter, die der Pharmaindustrie Profitgier vorwerfen. Denn auch homöopathische Mittel sind nicht kostenlos.

Durch eine häufige Anwendung von Homöopathika wird die Pathologisierung meistens harmloser Wehwehchen gefördert.
Werbung für Homöopathika zielt häufig auf harmlose Beschwerden ab. Besonders werden hierbei Frauen und Kinder in Angriff genommen. So beginnt der Kontakt mit der Homöopathie für viele Frauen in der Schwangerschaft. Hall et al. haben 2010 in einer Übersichtsarbeit gezeigt, dass Hebammen häufig alternative Methoden z.B. zur Entspannung oder bei Rückenschmerzen anwenden [10]. Hierbei wird jedoch genau das Betrieben, dass Homoöpathen gerne der Schulmedizin vorwerfen. Kurz auftretende und nicht schwerwiegende Beschwerden werden überbehandelt. Der Patient oder die Patientin lernt, dass er oder sie nur eine Pille nehmen muss, daraufhin lassen die Symptome nach. Dass die Beschwerden häufig von alleine verschwinden, wird außer Acht gelassen.
Die positive Haltung besonders der Hebammen zu Alternativmedizin wurde in einer Umfrage des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2008 zum Impfstatus und zur Haltung zum Impfen der Hebammen in Deutschland hervorgehoben. Es wurde dargestellt, dass Hebammen, die eine Fortbildung zu Alternativmedizin besucht haben, signifikant seltener Impfungen befürworten und diese damit eher nicht Eltern empfehlen [11]. Personen, die Impfungen ablehnen, lassen sich logischerweise selbst weniger häufig impfen.
Impfungen sind jedoch wichtig um eine Herdenimmunität zu entwickeln, denn geimpfte Personen werden nicht zum Wirt des Erregers und können erschwert Ungeimpfte anstecken. Hierfür muss jedoch eine ausreichende Anzahl an Personen geimpft werden. Vor allem Babys, die zu jung für eine Impfung sind, profitieren von diesem Schutz vor Infektionskrankheiten mit potentiell schweren Komplikationen.

Zusammenfassung
Meine kurzgefassten Hauptargumente lauten wie folgt:
• Homöopathika sind bei banalen Beschwerden sinnlos und verzögern bei schwerwiegenden Erkrankungen eine ärztliche Behandlung.
• Es erfolgt eine Pathologisierung leichter Symptome, die eigentlich nicht oder nur gering behandelt werden müssen.
• Diese Pathologisierung beginnt häufig schon in der Schwangerschaft, wobei alternativmedizinisch geschulte Hebammen eher Impfungen ablehnen. Dies kann die Haltung der Eltern zum Impfen negativ beeinflussen.
• Homöopathika sind nicht billig und bedeuten für deren Hersteller ein Millionen-Geschäft. Das von Krankenkassen für Homöopathika ausgegebene Geld wäre in neue innovative Medikamente für schwerst erkrankte Personen deutlich besser investiert.

Der Schaden, der durch diese Mittel entsteht, ist nicht auf dem ersten Blick zu fassen. Deswegen ist es auch so wichtig Freunde und Bekannte aufzuklären, die nicht verstehen, wieso man denn um ein paar Globuli so ein Aufhebens machen kann. Hoffentlich wisst ihr jetzt auf die Frage „Was soll den an Zuckerkügelchen gefährlich sein?“ zufriedenstellende Antworten.

von Elisa Tackmann

Quellen
[1] GWUP – Die Skeptiker – Verbraucher in Deutschland und Österreich inszenieren homöopathische „Überdosis“ (accessed June 2, 2016)
[2] The Australian. Cancer death puts homeopathy in dock. (accessed June 2, 2016)
[3] NHMRC INFORMATION PAPER. Evidence on the effectiveness of homeopathy for treating health conditions (accessed June 2, 2016)
[4] Vfa. So entsteht ein neues Medikament (accessed June 2, 2016)
[5] BfArM. Arzneimittelzulassung (accessed June 2, 2016)
[6] Statista. Phytopharmaka und Homöopathika – Umsatz in Deutschland 2014 | Statistik.  (accessed June 2, 2016)
[7] Wild F. Ausgabensteigerungen bei Arzneimitteln als Folge von Innovationen, WIP 2012 (accessed June 2, 2016)
[8] Deutsches Krebsforschungszentrum in der Helmholtz-Gemeinschaft.einblick Waffen des Immunsystems Ausgabe 1/2010  (accessed June 2, 2016)
[9] Fojo T, Grady C. How Much Is Life Worth: Cetuximab, Non–Small Cell Lung Cancer, and the $440 Billion Question. J Natl Cancer Inst 2009;101:1044–8. doi:10.1093/jnci/djp177.
[10] Hall HG, McKenna LG, Griffiths DL. Midwives’ support for Complementary and Alternative Medicine: A literature review. Women Birth 2012;25:4–12. doi:10.1016/j.wombi.2010.12.005.
[11] RKI. Epidemiologisches Bulletin 21/2008 Impfstatus sowie Einstellung und Verhalten von Hebammen zu Impfungen – Ergebnisse einer Querschnittsstudie (accessed June 2, 2016)