Bericht zur Auftaktveranstaltung der „Friedensfahrt“ 2016

am 7.8.2016 auf dem Platz des 18 März (vor dem Brandenburger Tor), Berlin

Veranstalter des Happenings waren www.druschba.info die eine „Friedensfahrt“ vom 7. bis zum 21. August 2016 von Berlin nach Moskau organisiert haben. Zur Erinnerung, die Friedensfahrt war in der DDR das Gegenstück zur Tour de France, also ein Radrennen durch die DDR, Polen und die Tschechoslowakei. Gefahren wurde diesmal aber nicht mit Pedal- sondern mit Motorkraft. Die Route sollte über Stettin, Königsberg, das Baltikum, St Petersburg, Moskau und Minsk zurück nach Berlin gehen.

Foto: Jörn Beckmann

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Am Sonntag wurden also die Teilnehmer der Fahrt (gesprochen wurde von 250 Teilnehmern in 50 Fahrzeugen) am Brandenburger Tor verabschiedet. Aufgebaut waren eine provisorische Bühne auf der Ladefläche eines Miet-LKW (von Sixt), sowie einige Stände mit Wahnwichtel-Devotionalien. An Medienvertreten waren neben zahlreicher Alternativmedien das ZDF, RBB und Ruptly TV vertreten. Die Polizei hielt sich zurück und war mit nur einem Bus vor Ort. Auf dem Platz des 18. März (ein Ort der an den Barrikadenkampf im März 1848 erinnern soll) waren auch die zahlreichen Teilnehmerfahrzeuge geparkt, so dass es etwas gedrängt zuging. Neben den Veranstaltungsteilnehmern und Journalisten waren auch zahlreiche Touristengruppen unterwegs, so dass es schwierig ist die tatsächliche Teilnehmerzahl zu schätzen. Ich gehe so von etwa 450 Teilnehmern aus. Ein Teilnehmer erschien mit einem antisemitischen Plakat, dieser wurde aber auf Betreiben der Veranstalter von der Polizei weggeschickt.

Eröffnet wurde die Veranstaltung von Marcel Wojnarowicz, genannt Wojna, vom verschwörungsaffinen Hip-Hop Duo „Die Bandbreite“ (Duo? Das zweite Mitglied DJ Torben sieht man schon seit längerem nicht mehr bei den Wahnwichteleien). Wojna beginnt also die Kundgebung mit einem Redeschwall gegen die „Transatlantiker“ um dann an die beide Organisatoren der Friedensfahrt Owe Schattauer und Rainer Rothfuß zu übergeben. Bei Owe Schattauer handelt es sich um einen aus der DDR stammenden Bauunternehmer aus Mainz. Dieser macht als Rapper C-Rebell auch Musik (https://kenfm.de/kenfm-im-gespraech-mit-owe-schattauer-die-stimme-des-zorns/). Dr. Rainer Rothfuß war bis 2015 Junior-Professor für Humangeografie an der Universität Tübingen. Dort fiel er mit seiner Ringvorlesung „Clash of Civilizations“ auf, in der er auch den Schweizer Historiker Daniele Ganser einen verschwörungstheoretischen Vortrag zum Thema 11. September halten lies (http://de.wikimannia.org/Rainer_Rothfu%C3%9F). Ganser trat unter anderem schon auf der Anti-Zensur-Konferenz von Ivo Sasek auf (https://de.wikipedia.org/wiki/Daniele_Ganser).

Foto: Jörn Beckmann

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Berichtet wurde von den beiden Veranstaltern, dass letztes Jahr auf der „Friedensfahrt“ nur ein Teilnehmer in Moskau gewesen sei, dieses Jahr aber werden es 250 sein. Die beiden Veranstalter schwelgten dann in Vorstellungen über die weitere Entwicklung der Teilnehmerzahlen um dann an den Stargast und Schirmherrn der Veranstaltung zu übergeben, an Willy Wimmer. Der frühere parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium und Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE (https://de.wikipedia.org/wiki/Willy_Wimmer) fühlt sich inzwischen Wohl in verschwörungstheoretischen Kreisen und ist ein gern gesehener Gast bei KenFM (https://kenfm.de/willy-wimmer-putsch-tuerkei/) oder RT Deutsch (https://deutsch.rt.com/inland/39715-willy-wimmer-uber-terror-in/). Kern seiner Rede ist die Stationierung von NATO-Panzern 150 km vor St Petersburg. Besonders betont er die Verdienste Putins beim Wiederaufbau des Geburtshauses von Immanuel Kant in Kaliningrad, eine Information die er leider nicht den System- sondern nur den alternativen Medien entnehmen konnte. Nach ihm spricht dann ein Sergey, dessen besonderer Verdienst es sei die Beiträge von KenFM ins Russische übersetzt zu haben um so den Menschen in Russland zu zeigen, dass es in Deutschland auch vernünftige Menschen gäbe. Naja, wenn er meint. Die Nächste Darbietung bestand in der Freilassung von Friedenstauben. Nachfolgend dann verschiedene mehr oder weniger gelungene Darbietungen von Gedichten oder gesanglichen Einlagen deren Details ich dem Leser ersparen möchte. Beteiligt waren die szenebekannten Wahn-Barden wie Kilez More (http://kilezmore.de/)  oder Photon (http://www.photon-music.de/)

Auffallend waren die vielen russisch sprechenden Teilnehmer der Veranstaltung. Weiterhin fielen Mitglieder zahlreicher „Motorradclubs“ auf. Zunächst waren da die „Deutsch-Russischen Seelen“ (http://www.deutsch-russische-seelen.de/). Auf ihrer Homepage bezeichnen sie sich als Vereinigung gleichgesinnter Patrioten, die die Mitgliedschaft von rechtsgerichteten Personen, Staatsbeamten oder Kinderschändern ablehnt. Umso erstaunlicher, dass sie dann auf ihrer VK-Seite (https://new.vk.com/club105224618?w=wall-105224618_95) über einen Treffen mit einem Mitglied des rechtsradikalen Bündnisses „Weißer Raben“ (https://dokmz.wordpress.com/2016/04/13/frei-sozial-und-national-hooligans-demonstrierten-in-magdeburg/)  berichten. Auf ihrer Homepage bieten die Deutsch-Russischen Seelen auch Überlebenstrainings und Kampfausbildung an (http://www.deutsch-russische-seelen.de/events-%D1%81%D0%BE%D0%B1%D1%8B%D1%82%D0%B8%D1%8F/). Vorsitzender der Deutsch-Russischen Seelen ist ein Jan Riedel.

Foto: Jörn Beckmann

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Eine zweite Gruppe trug in russischer Sprache beschriftete Kutten, unterhielt sich aber auf Deutsch mit einem deutlich hörbaren Dialekt. Auf der Kutte steht „dorogi powedn“ was so viel wie „siegreicher Weg“ bedeutet. Das Emblem ist an den Orden des großen vaterländischen Krieges angelehnt, auch die Jahreszahlen deuten auf diesen hin.

Eine dritte Gruppe von Motorradfahrern stellen die „Russland Deutsche Wölfe“ (http://www.rworg.de/). Hier soll es sich wohl um den deutschen Ableger der berüchtigten Nachtwölfe handeln, einer Gruppe putin-treuer Motorradfahren die aus Russland zum Gedenken an den 8. Mai in den letzten zwei Jahren zum sowjetischen Ehrenmal in Berlin gefahren sind. Einerseits läuft unter dem Namen „Russland Deutsche Wölfe“ ein gemeinnütziger Verein, der sich die Förderung des Motorradfahrens zum Ziel gesetzt hat, andererseits handelt es sich aber auch um eine Organisation die wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zwischen Russland und Europa aufbauen möchte. Auf den Philippinen betreiben Mitglieder der Wölfe ein Kinderheim. Die Mitgliedschaft von Kriminellen ist bei den Wölfen nicht gewünscht, die von Patrioten jedoch schon. Unter dem Wolfsemblem wird auch die Systema Security Center Akademie betrieben. Bei Systema handelt es sich um ein russisches Selbstverteidigungssystem. Der Autor Boris Reitschuster behauptet, dass der russische Geheimdienst GRU über Systema-Schulen Agenten anwerben würde. Das Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet die Deutsch Russischen Wölfe sowie ihre Vorgängerorganisation, die Deutsch-Russische Bruderschaft (http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.identitaetstaeuschung-im-internet-russlanddeutsche-klagen-gegen-mitglied.b373d9d5-0d08-498b-8049-988852252c11.html)

Auf der Bühne geht es derweil weiter mit musikalischen Beiträgen und Reden. Wojna regt sich über die Debatte bezüglich eines Olympia-Ausschlusses der russischen Mannschaft auf, ein Vertreter der russischen Botschaft spricht ein Grußwort genauso ein Teilnehmer der Original-Friedensfahrt der DDR. Auf der Bühne werden Geschenke übergeben wie zum Beispiel die „Perle der Liebe“, eine selbstgebastelte Skulptur zum Thema „Der deutsche Gartenzwerg besucht seinen Freund den russischen Bären“ oder gesegnete Ikonen, die die Teilnehmer der „Friedensfahrt“ beschützen sollen. Der Empfänger dieser Segnungen merkt dazu an, dass er zwar Atheist sei aber ein toleranter Atheist. Nebenbei fiel mir ein Versammlungsteilnehmer mit einem selbstgemalten „Assad ist gut“ T-Shirt sowie einer „Putin cool“ Mütze auf. Na dann kann ja nichts mehr schief gehen. Inzwischen jammert Wojna auf der Bühne über die angebliche Unterstützung des Westens für ukrainische Faschisten. Hat er natürlich auch aus den alternativen Medien.

Foto: Jörn Beckmann

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Langsam nähert man sich der Abfahrt und beginnt mit der Organisation derselben. Vorgestellt wird derjenige, der den Konvoi aus Berlin führen soll, es handelt sich um niemand geringeren als Carsten Halter (genannt Carschten). Dieser hatte zusammen mit Lars Märholz die Mahnwache in Berlin organisiert und stand neben Xavier Naidoo bei dessen legendärem Auftritt am Reichstag, der ihm die Nominierung für den Goldenen Aluhut eingebracht hat. Inzwischen betreibt er mit dem AK Berlin eine eher rechts gerichtete Bewegung, die sich 2014 zum Beispiel an den „Nein zum Heim“ Demos in Berlin-Marzahn beteiligte (https://www.facebook.com/kentrails/photos/a.423954694415973.1073741826.423917567753019/550143601797081/?type=1&theater). Carschten ist der Anmelder der Auftaktveranstaltung und versucht nun mit der Polizei auszuhandeln, dass die Teilnehmer durchs Brandenburger Tor fahren dürfen. Es wird verkündet dass dies möglich sei, da die Polizei das Feld räumen würde sobald die Autos losgefahren seien. Sie wollen dann eine Schleife durchs Regierungsviertel drehen und noch einmal zum Brandenburger Tor zurück kommen. Später zeigt sich aber, dass dieses Vorhaben nicht so einfach ist. Zunächst einmal macht die Veranstaltung einen gut organisierten Eindruck. Die Teilnehmer werden in Gruppen eingeteilt, die Gruppen mit Buchstaben gekennzeichnet und die einzelnen Fahrzeuge jeder Gruppe in ihrer Reihenfolge durchnummeriert. Der erste und der letzte Fahrer jeder Gruppe erhalten ein Funkgerät. Bei deren Verteilung beginnen aber schon die Schwierigkeiten, vielleicht ist den wenigsten Fahrer bekannt, ob sie nun erster oder letzter in ihrer Gruppe sind, jedenfalls braucht es einige Durchsagen ehe die Funkgeräte verteilt sind. Die Fahrzeuge sollen dann losfahren und sich vor dem Sowjetischen Ehrenmal sammeln. Von dort aus soll dann die Schleife zurück zum Pariser Platz unter Führung von Carschten beginnen. Während die Vorbereitungen laufen beschallt Wojna den sich zunehmen leerenden Platz. Während bisher eher gemäßigte Töne die Veranstaltung geprägt haben bringt Wojna nun sein übliches Repertoir, allerdings hört ihm auch kaum noch einer zu. Nach etwa 45 Minuten haben sich die Fahrzeuge in Bewegung gesetzt, es soll aber noch einmal genauso lange dauern, bis die hauptsächlich aus ländlichen Gegenden der Republik stammenden Teilnehmer (Kennzeichen mit zwei oder drei Buchstaben dominieren ganz deutlich) den Weg zurück gefunden haben. Die Führung durch Carschten hat wohl nicht so ganz geklappt, er kommt jedenfalls nicht als erstes am Pariser Platz an.

Foto: Jörn Beckmann

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Auf dem Platz versuchen derweil 3 junge Damen in Anti-TTIP Shirts das Chaos zu ordnen. Innzwischen hat sich rausgestellt, dass die Fahrt durch das Tor an den dort vorhandenen Pollern scheitern wird. Die Teilnehmer sammeln sich also im Verlauf der nächsten halben Stunde auf dem Pariser Platz und fahren von dort in Grüppchen los Richtung polnischer Grenze. Kurz vor Stettin möchten sich die Teilnehmer noch einmal sammeln. Dies gelang wohl auch. Am nächsten Tag ging es weiter nach Kaliningrad. Die Einreise an der russischen Grenze gestaltete sich problematischer als von den Teilnehmern erwartet, allerdings erfolge auf russischem Gebiet dann ein herzlicher Empfang durch eine Delegation der echten Nachtwölfe. Am 21.8. gegen 17 Uhr möchten die Teilnehmer wieder zurück in Berlin sein, dann wird es einen weiteren Event am Brandenburger Tor geben.

Gezählt habe ich 55 Fahrzeuge, davon ein Reisebus sowie 12 Motorräder. Bei 2 bis 3 Personen pro Fahrzeug und etwa 50 Personen in dem Reisebus scheint die angegebene Teilnehmerzahl von 250 nicht ganz erreicht zu sein.

von Jörn Beckmann

 

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