Autismus – ein Missverständnis I

Teil I: Autismus durch Impfen – eine überholte Behauptung

Als der britische Arzt Wakefield 1998 in der Fachzeitschrift The Lancet seine Studie zum Zusammenhang zwischen der Masern-Mumps-Röteln-Impfung (MMR-Impfung) und dem Entstehen von Autismus veröffentlichte, gab es einen öffentlichen Aufschrei. Die Angst und Verunsicherung unter Eltern war groß. Googelt man selbst heutzutage noch die Begriffe Impfen und Autismus, findet man online die Behauptung, dass Autismus durch Impfungen ausgelöst werden würde, obwohl die oben genannte Studie längst durch den Lancet zurückgezogen und Wakefield aufgrund unsachlicher Studiendurchführung seine Approbation verlor. In diesem Text möchte ich zusammenfassend den wissenschaftlichen Stand zu einem möglichen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus darstellen. Zunächst stellt sich jedoch folgende Frage:

Was ist Autismus?

Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. Heutzutage wird die Autismus-Spektrum-Störung (ASS, Autismus-Spektrum-Störung) als Oberbegriff für verschiedene Störungen benannt, darunter der frühkindliche Autismus (ehemals Kanner-Syndrom) und das Asperger-Syndrom.

Der Verein Autismus Deutschland e.V. beschreibt auf seiner Webseite allgemeine Merkmale, die Menschen mit Autismus besitzen. Die Besonderheiten autistischer Menschen zeigen sich in vielen Verhaltensweisen: v.a. jedoch in der Interaktion und Kommunikation mit anderen Menschen sowie in Auffälligkeiten in Form von repetitiven, stereotypen Verhaltensmustern. Diese Störungen beginnen im frühen Kindesalter und besitzen einen stetigen Verlauf. Allgemeine Symptome einer ASS sind bspw. geringer Augenkontakt mit Gesprächspartnern, eine beeinträchtigte Sprachentwicklung, wenig Gestik und stereotype Bewegungen. Autistische Menschen haben zudem Schwierigkeiten in der Verarbeitung wahrgenommener Informationen. Diese Überladung mit Sinneseindrücken wird in diesem Video eindrucksvoll dargestellt.

Die Ausprägungen einer ASS liegen laut Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin auf einen Kontinuum, d.h. jeder oder jede Betroffene kann unterschiedliche Symptome und Schweregrade aufzeigen. Innerhalb der Gruppe dieser Störungen sticht das Asperger-Syndrom hervor, da Betroffene keine oder eine geringe kognitive oder sprachliche Entwicklungsstörung zeigen. In diesem Video der Webseite interacting with autism werden die Symptome dieser Störungen und die Berichte sowie Erfahrungen von Betroffenen dargestellt.

Viele Faktoren sind in der Diskussion, die Entstehung von Autismus zu begünstigen, darunter genetische Einflüsse. Weitere Informationen sind auf der Webseite der Neurologen und Psychiater im Netz zu finden. Wieso werden jedoch bestimmte Impfungen als Ursachen für Autismus in Webforen hervorgehoben?

Wakefields Studie

Die benannte Arbeit kann hier online gelesen werden. Wakefield und Kollegen betrachteten in dieser Arbeit 12 Kinder zwischen 3 und 10 Jahren, die nach einer unauffälligen Entwicklung einen Verlust erlernter Fähigkeiten und gastrointestinale Beschwerden (Diarrhö und Bauchschmerzen) aufweisen. Die Kinder wurden weitgehend neurologisch und internistisch untersucht. Wakefield stellt einen Zusammenhang zwischen der Entstehung von Autismus, der MMR-Impfung und einer Enterocolitis (Darmentzündung) her. Eltern oder Ärzte von acht der erkrankten Kinder berichten in dieser Studie von einer zeitlichen Koinzidenz zwischen dem Auftreten von autistischen Symptomen und der MMR-Impfung.

Es ist voreilig, anhand der in der Arbeit dargestellten Informationen auf die Genese einer autistischen Enterocolitis, so nannte Wakefield das Syndrom, zu schließen. Es wurden nur 12 Kinder untersucht und der Zusammenhang zwischen dem Auftreten der Symptome und der MMR-Impfung wurde retrospektiv erhoben. Dieser zeitliche Zusammenhang kann vollkommen zufällig sein oder nur in der Rückschau als Ursache erscheinen. Die Arbeit von Wakefield und Kollegen hätte allenfalls als Grundlage weiterer, großangelegter Studien dienen können. Sie rechtfertigt nicht den medialen Aufschrei, der auf die Veröffentlichung folgte, und die Verdammung sämtlicher Impfungen, da sich die Studie nur auf die MMR-Impfung bezog.

Die Rücknahme

Nach einer weitreichenden medialen Reaktion auf die Schlussfolgerungen Wakefields zweifelten viele Eltern an der Sicherheit der Dreifachimpfung. Jedoch konnten keine Beweise für Wakefields Theorie erbracht werden.  Vielmehr führten die Recherchen des britischen Journalisten Brain Deer zur Aufdeckung von Interessenskonflikten Wakefields, der zum Zeitpunkt der Studiendurchführung Zahlungen eines Anwaltes erhielt. Dieser Anwalt vertrat Familien, die die Impfstoffherstellenden Pharmafirmen aufgrund der Autismus-Erkrankung ihrer Kinder verklagen wollten. Deer konnte in seinen Untersuchungen zeigen, dass die Daten der Kinder entweder fehlinterpretiert oder manipuliert wurden, um dieser Anklage zu dienen. 2010 wurde die Arbeit vollständig vom Lancet zurückgezogen und Wakefield verlor nach einer Untersuchung des General Medical Council, dem britischen Äquivalent der Bundesärztekammer, seine ärztliche Zulassung.

MMR-Impfung und Autismus

In einer Publikation aus dem Paul-Ehrlich-Insitut im Bundesgesundheitsblatt wird die allgemeine Sicherheit von Impfstoffen diskutiert. Masern, Mumps und Röteln sind demnach hochinfektiöse Erkrankungen, die keinesfalls als Kinderkrankheiten zu verharmlosen sind. Jedoch wird auch hier einem eventuellen Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und der Enstehung von Autismus widersprochen. Das Cochrane Institute führte 2012 ein Review von 64  Studien zur Effektivität und Sicherheit der MMR-Impfung durch. In diesen Studien wurden insgesamt 14,7 Millionen Kinder einbezogen. Hierbei wurde die allgemeine Qualität der Studien bemängelt. Jedoch konnte gezeigt werden, dass eine Assoziation der MMR-Impfung mit Autismus, aber auch anderen Erkrankungen wie bspw. Asthma, Morbus Crohn und Diabetes Mellitus Typ 1, unwahrscheinlich ist.

Die Sicherheit der MMR-Impfung

Das Robert-Koch-Insitut (RKI) ist in Deutschland für die Erkennung, Bekämpfung und Prävention von Infektionskrankheiten zuständig. Auf der Webseite des RKI sind Informationen über Impfempfehlungen und Nebenwirkungen von Impfungen veröffentlicht. Eventuelle Impfkomplikationen werden über den behandelnden Arzt/die behandelnde Ärztin und die Gesundheitsämter an das Paul-Ehrlich-Insitut gemeldet und in einer Datenbank gesammelt. Allgemeine Risiken der seit Jahrzehnten angewandten MMR-Impfung sind bekannt.

Vergleich der Risiken einer MMR-Impfung zu Komplikationen einer Infektion mit Mumps, Masern und Röteln (Auszug), nach Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 47, 12 (2004): 1182–1188 DOI 10.1007/s00103-004-0952-y (http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/Bedeutung/Downloads/Impfgegner_Impfskeptiker.pdf)


1       Diese Hodenentzündung kann in einigen, seltenen Fällen zur Sterilität des Mannes führen.
2       Die Rötelninfektion der Mutter kann je nach Schwangerschaftswoche zu unterschiedlichen Fehlbildungen des ungeborenen Kindes führen. Klassische Symptome sind jedoch bestimmte Herzfehler, Trübungen der Augenlinse und eine Innenohrschwerhörigkeit (Gregg-Trias).

Alle Impfungen und damit auch die MMR-Impfung sind nicht nebenwirkungsfrei, jedoch sind die Komplikationen im Vergleich zur Infektion mit dem eigentlichen Krankheitserreger gering.

Zusammenfassung

  • Autismus ist durch drei Kernsymptome, nämlich Schwierigkeiten in der verbalen und nonverbalen Kommunikation sowie stereotype Verhaltensmuster, definiert. Betroffene befinden sich auf einem weiten Spektrum von Symptomen und Schweregraden.
  • Kein Zusammenhang zwischen Autismus und der MMR-Impfung konnte bis heute nachgewiesen werden.
  • Die Arbeit von Wakefield und Kollegen ist fehlerhaft und rechtfertigt, alleinig aufgrund des Studiendesigns, nicht den die Veröffentlichung folgenden öffentlichen Aufschrei und die Angst vor der MMR-Impfung.
  • Impfungen haben Nebenwirkungen, jedoch überwiegen die Vorteile einer Impfung für das Individuum und die Allgemeinheit mögliche Probleme durch Nebenwirkungen.

Zum Weitersehen

Interacting with autism: The Vaccine Controversy: http://www.interactingwithautism.com/section/understanding/vaccine
The New York Times – Vaccines: An Unhealthy Scepticism: http://nyti.ms/1wTPIOO
Wikipedia (englisch) – Autism Spectrum Disorder: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/94/Autism_spectrum_disorder_video.webm

Quellen

Autismus:

MMR-Impfstoff:

Studie von Wakefield et al.:

Berichte zu Wakefields Studie:

von Elisa Tackmann
Fragen und Anregungen können gerne an elisa[at]dergoldenealuhut.de gerichtet werden.