Autismus – ein Missverständnis ll: Die Mär von der Heilbarkeit

1943 beschrieb der aus Österreich stammende Arzt Leo Kanner als Erster den frühkindlichen Autismus (früher auch Kanner-Syndrom), der heute dem Überbegriff Autismus-Spektrum-Störung zugeordnet wird. In seiner Veröffentlichung schildert er u.a. den Fall des 5-jährigen Donald, der ihm im Oktober 1938 vorgestellt wurde.

„[Donald] wandered about smiling, making stereotyped movements with his fingers. […] He paid no attention to persons around him. When taken into a room, he completely disregarded the people and instantly went for objects. […] Words to him had a specifically literal, inflexible meaning.“ aus Leo Kanner – Autistic Disturbances Of Affective Contact, abgerufen am 05.09.2016 sowie aus Lai M-C, Lombardo MV, Baron-Cohen S. Autism. The Lancet 2014;383:896–910.

Nur ein Jahr später widmete sich der Wiener Pädiater Hans Asperger in seiner Habilitationsschrift dem nach ihm benannten Asperger-Syndrom. Er beschreibt den kleinen Fritz, der ähnliche Verhaltensweisen zeigt. Jedoch „lernte er sehr früh reden: mit 10 Monaten (also lange bevor er gehen konnte) sprach er die ersten Worte, lernte rasch sich in guten Sätzen auszudrücken, sprach bald „wie ein Alter“.“aus Asperger, H. Archiv f. Psychiatrie (1944) 117: 76.

Dies ist einer der Aspekte, der das Asperger-Syndrom vom frühkindlichen Autismus differenziert. Autoren im Lancet beschrieben Autismus wie folgt: Autism is a set of heterogeneous neurodevelopmental conditions, characterised by early-onset difficulties in social communication and unusually restricted, repetitive behaviour and interests.“
aus: Lai M-C, Lombardo MV, Baron-Cohen S. Autism. The Lancet 2014;383:896–910.

Diese beiden ersten Beschreibungen Kanners und Aspergers beleuchten nur blitzartig die komplexe Thematik des Autismus. Die Zahl an Studien über Autismus und ebenso über Interventionsmethoden explodierten nahezu seit den 1990er Jahren. Viele verschiedene Ansätze für Therapien existieren, jedoch kann von einer Heilung von Autismus keine Rede sein. Trotzdem werden von verschiedenen Seiten Heilungsmethoden vermarktet.

Autismus ist heilbar?

Vollzieht man eine einfache Onlinerecherche, stößt man auf unterschiedliche Mittel, die eine angebliche Heilung von Autismus bieten sollen. Auf die beiden gängigsten Theorien und deren Wahrheitsgehalt möchte ich kurz eingehen.

MMS – Miracle Mineral Supplement/Solution

Ein ausführlicherer Blog-Artikel des Aluhuts zu MMS ist hier zu finden. MMS ist ein Stoffgemisch aus Natriumchlorit (nicht zu verwechseln mit  harmlosen Natriumchlorid oder Kochsalz) und einer Säure. Es wirkt hochgradig ätzend und soll rektal als Einlauf eingeführt werden. In dieser Anwendung sollen Darmparasiten, die von MMS-Befürwortern für die Entstehung von Autismus verantwortlich gemacht werden, abgetötet und ausgestoßen werden. Die wurmartigen Überreste, die sich im Stuhl der Behandelten befinden, sind jedoch nur abgestorbene Teile der verätzten Darmschleimhaut. So führt eine Anwendung von MMS zur langfristigen Schädigung des Darms. Diese Prozedur ist zudem sehr schmerzhaft. Eine Verhaltensänderung des behandelten Kindes nach einer Anwendung kann als vermeidende Reaktion auf diese schmerzende, bestrafende Maßnahme interpretiert werden.

Die Diät gegen Autismus?

Das Zentrum der Gesundheit titulierte im August: „Autismus wurde mit einer speziellen Ernährung geheilt“ (https://www.zentrum-der-gesundheit.de/autismus-weizen-ia.html). Die Autoren beziehen sich u.a. auf dieses Paper. Diese Arbeit konnte zeigen, dass von insgesamt 140 betrachteten Kindern jene 37 Kinder mit Autismus ein signifikant höheres Level an IgG-Antikörper gegen Gliadin zeigen als die Kinder ohne Autismus in der Kontrollgruppe. Gliadin ist eine Fraktion des u.a. in Weizen enthaltenen Glutens. Ziel der Studie war es, herauszufinden, ob ein potentieller Zusammenhang zwischen Autismus und Zöliakie (auch glutensensitive Enteropathie) besteht. Menschen mit Zöliakie leiden an einer Autoimmunreaktion gegen Gliadin, die zu einer chronischen Entzündung der Dünndarmschleimhaut führt. Wichtig ist hierbei zu verstehen, dass:

  • das Ziel der Studie nicht die Prüfung einer glutenfreien Diät als Therapieoption für Autismus ist, sondern einzig ein Zusammenhang zwischen Autismus und Zöliakie untersucht werden soll.
  • das Kinder mit Autismus im Vergleich zu ihren Geschwistern keine signifikant höhere Serumkonzentration des IgG-Antikörpers gegen Gliadin aufweisen, sondern einzig im Vergleich zur Kontrollgruppe.
  • die betrachteten Kinder mit Autismus nur für einen einzigen (von mehreren) betrachteten Markern signifikant erhöhte Werte zeigen.
  • die betrachtete Anzahl an Kindern gering ist, damit ist die Verallgemeinerbarkeit der Studienergebnisse erschwert.

Deswegen schlussfolgern die Autoren der Studie:

„The data from this study should be interpreted with caution. Most importantly, the observed increased IgG antibody response to gliadin does not necessarily indicate sensitivity to gluten or any pathogenic role for antibodies to gliadin in the context of autism.“ aus: Lau, Nga M., et al. „Markers of celiac disease and gluten sensitivity in children with autism.“ PloS one 8.6 (2013): e66155.

Deutsch:

Die Daten dieser Studie sollten mit Vorsicht interpretiert werden. Am wichtigsten ist, dass die erhöhte IgG-Antwort auf Gliadin nicht notwendigerweise auf eine Glutensensitivität oder irgendeine pathogene Rolle dieser Antikörper in Bezug auf Autismus hinweist.

Im Text des Zentrums für Gesundheit wird diese Studie und ein Einzelfallbericht eines Mädchens, welches unter einer casein- und glutenfreien Diät eine Verbesserung ihrer Symptome erreichen konnte, dargestellt. Nach einer großen Gewichtszunahme wurde das Mädchen zusätzlich auf eine ketogene Diät gesetzt. Zudem erhielt das Kind während der gesamten Therapiezeit zusätzlich Medikamente gegen epileptische Anfälle (Antikonvulsiva oder Antiepileptika). So kann man die Effekte der einzelnen Interventionen unmöglich trennen. Es ist wichtig hervorzuheben, dass Einzelfallberichte dem Namen nach nur Einzelfälle betrachten und deswegen deren Resultate nicht verallgemeinert auf alle betroffenen Personen angewandt werden können. Einzelfallberichte können allenfalls als Ansätze für größer angelegte Studien sein, die den Effekt einer Intervention untersuchen.

Was bringt diese Diät tatsächlich?

Das Cochrane Institute veröffentlichte im Jahr 2008 eine Übersichtsarbeit über den Effekt einer casein- und glutenfreien Diät auf die Symptome der Autismus-Spektrum-Störung. Es konnten nur zwei Studien mit geringer Stichprobe erhoben werden. Aufgrund der geringen Anzahl an Studien und Studienteilnehmern ist der Nachweis einer Wirksamkeit dieser Diät erschwert. Ein aktuelleres Review aus dem Jahr 2015 kam zu dem Schluss, dass die Qualität der Studien zu dieser Thematik zu schlecht ist, um auf einen Effekt der Diät mit Sicherheit zu schließen.

Die üblichen Verdächtigen

Auf diversen Webseiten werden alternative Ansätze für eine zweifelhafte Heilung angeführt, darunter Homöpathie. Mit der angeblichen Wirksamkeit homöopathischer Mittel haben wir uns in diesem Blog schon ausführlich befasst.

Von Elisa Tackmann

Teil 1 von „Autismus – ein Missverständnis“ könnt ihr hier nachlesen.

Quellen:

  • Leo Kanner – Autistic Disturbances Of Affective Contact, http://neurodiversity.com/library_kanner_1943.pdf (abgerufen am 05.09.2016)
  • Lai M-C, Lombardo MV, Baron-Cohen S. Autism. The Lancet 2014;383:896–910
  • Asperger, H. Archiv f. Psychiatrie (1944) 117: 76
  • Lau NM, Green PHR, Taylor AK, Hellberg D, Ajamian M, et al. (2013) Markers of Celiac Disease and Gluten Sensitivity in Children with Autism. PLoS ONE 8(6): e66155. doi:10.1371/journal.pone.0066155
  • Millward, C., Ferriter, M., Calver, S., & Connell-Jones, G. (2008). Gluten-and casein-free diets for autistic spectrum disorder. Cochrane Database Syst Rev,2(2).
  • Lange, K. W., Hauser, J., & Reissmann, A. (2015). Gluten-free and casein-free diets in the therapy of autism. Current Opinion in Clinical Nutrition & Metabolic Care, 18(6), 572-575.

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