Reptiloide auf dem Flur? David Icke im Maritim Hotel Berlin.

Der Glaube an reptiloide Lebensformen, die geschickt die Welt beherrschen, ist so wirr wie populär. Das beliebte Verschwörungsnarrativ über finstere Mächte, von kaltem Blut durchflossen, ist ein Klassiker in der Welt aufgewachter Infokrieger. Und am Ende sind es oft die Rothschilds, die Illuminaten, auf die begeistert und empört der Finger gerichtet wird. Kein Name wird mit dieser Idee so eng verknüpft wie der von David Icke. Und während viele darüber nur den Kopf schütteln, stellt das Maritim Hotel in Berlin Räume für David Icke zur Verfügung. Ich schaue näher in die Welt des Mannes von der Isle of Wight.

Von Benjamin Krasemann

Irgendwann im März 1990 schlendert David Icke mit seinem Sohn über die Esplanade im malerischen Ryde, im Nordosten der Isle of Wight. Er stoppt vor dem Kiosk auf der Promenade mit dem schönen Namen „Platform Fun“. Was dann passiert ist folgenreich. Er will gerade den kleinen Laden betreten, in dem man neben Nippes und Souvenirs auch Zeitschriften erwerben kann, als er eine Stimme in seinem Kopf vernimmt, die ihm so etwas befielt wie, nicht dieses Geschäft zu betreten. Danach wird alles anders im Leben des David Icke. Er wird zu einem der bekanntesten Verschwörungsideologen der Welt. David Icke – einer der Väter des Reptiloiden-Glaubens.

Quelle: youtube

Bis zu diesem Tag verläuft das Leben Ickes alles andere als langweilig. Nicht besonders erfolgreich in der Schule wird Icke zunächst Fußballer. Mit 15 wird er von Talentscouts von Coventry City entdeckt. Er verlässt die Schule und spielt fortan in kleineren englischen Clubs. Eine Arthritiserkrankung im Knie steht einer wirklichen Sportlerkarriere im Weg und bereits mit 21 Jahren muss Icke seine Fußballlaufbahn beenden. Kurzzeitig droht der soziale Abstieg, aber Icke kann sich schnell als Sportjournalist einen Namen machen. Er schafft es bis zum Co-Moderator von Grandstand, einer Art Sportstudio der BBC. Auch hier ist er nicht lange, bleibt der BBC aber als Kommentator von Sport-Events erhalten. 1990 scheint dann so etwas wie ein Schlüsseljahr für Icke zu werden. Zunächst gerät er in die Schlagzeilen, weil er sich weigert die Community Charge, eine Art Kopfsteuer, zu bezahlen. Icke verliert dadurch seinen Job bei der BBC. Die TV-Karriere ist aber noch nicht völlig beendet. 1991 kommt es zu einem bis heute denkwürdigen Auftritt Ickes in der Talkshow Wogan. Icke hält sich zu diesem Zeitpunkt für eine Art wiedergeborenen Jesus. Im Unterschied zu Jesus, trägt dieser jedoch einen hellblauen Trainingsanzug und verkündet nicht weniger, als das Ende der Welt. Im Publikum bricht Lachen aus. Talkmaster Terry Wogan kommentiert: „They are laughing at you. They are not laughing with you.“.

(Der denkwürdige TV-Moment ab Minute 6)

Es ist relativ schwierig sich der Person Icke zu nähern. Das meiste was man von ihm weiß ist das, was er in seinen zahlreichen Büchern von sich gibt. Auch über sich selbst. Nachdem ihm also jene Stimme im Kopf in eine neue Richtung weist, ändert sich Ickes Laufbahn schlagartig. Er wird zu so etwas wie dem Prototyp des Verschwörungsideologen, der sich die abstrusesten Theorien über die Welt zusammenspinnt, und dabei eine ganz neue Perspektive auf das Wort „Fakt“ legt. Sein Hauptwerk ist ohne Zweifel die „Theorie“ reptiloider „shapeshifter“. Sie ist genauso einfach wie genial, denn wer sie erkennt übersteht die Unannehmlichkeiten des Alltags viel besser. In der Tiefe ist das dann überschaubar dumm und gefährlich. Sie ist für so gut wie alle Verschwörungsideologen anschlussfähig, weil sie so ziemlich alles bietet, was Infokrieger hören wollen: Illuminaten, Satan, Kindermorde und natürlich – Juden. Im Prinzip macht Icke nichts anderes, als Scientology-Erfinder L. Ron Hubbard. Er spinnt sich eine Science Fiction-Geschichte zusammen, die es in jedes Readers Digest der 1950er Jahre geschafft hätte. Die Bestandteile seiner Theorie bastelt Icke aus bestehenden Versatzstücken anderer Verschwörungsideologen zusammen. Das sich das ganze immer wieder widerspricht ist dabei nicht relevant.

In Kurzform liest sich das dann so: Eine uralte außerirdische Rasse, die „Babylonische Bruderschaft“, hat die Menschheit genetisch manipuliert und unter ihrer Fuchtel. Bei dieser Rasse handelt es sich zweifelsohne um eine reptiloide Lebensform. Die von höheren Wesen erschaffte Welt ist dabei sowas wie eine virtuelle Realität, deren volles Potenzial wir, als ahnungslose Lämmer, nicht ausschöpfen können. Aus dem inneren des Mondes steuert die reptiloide Lebensform die Illuminaten auf der Erde. Der Mond ist laut Icke kein „Himmelskörper“, sondern ein riesiges Raumschiff, aus dem heraus Außerirdische seit je her die Menschheit manipulieren. Insbesondere wird von dort eine Blockierfrequenz auf die Erde gesendet, die „Moon-Matrix“, die permanent dafür sorgt, unser eigentliches Potenzial nicht erfassen zu können. Musik, Filme, Nahrungsmittel, Luftverschmutzung und natürlich Impfungen sind ebenfalls nur dazu erdacht, dieses Potenzial verborgen zu halten. Alles Negative was wir Menschen erleben, wird wiederum als Frequenz ausgeschüttet, von denen sich die Reptiloiden ernähren – und die es ihnen gleichzeitig ermöglicht, die Form zu wandeln. Nur deshalb erscheinen uns Personen wie George Bush oder Hillary Clinton als Menschen.

Quelle: Sammlung des Autors – George Bush, enttarnt!

Ohne das wir es merken, werden wir permanent von Reptiloiden manipuliert und produzieren leckere negative Energie, z.B. wenn wir einer Rede von Frauke Petry lauschen, die Black Eyed Peas ein neues Album raus bringen oder behauptet wird, die Erde wäre flach, obwohl sie eigentlich hohl ist. Dabei unterscheidet Icke zwischen „sheeple“, also denen die brav negative Energie erzeugen, den „red dresses“ als Mitglieder der Bruderschaft und denen die alles durchschauen und, unverständlicherweise, als irre abgestempelt werden.

“Crazy and insane are words used throughout history to describe people and ideas that are simply different.” David Icke, Children of the Matrix

An diese Stelle macht das ganze tatsächlich Sinn. Die Illuminaten sind dann sowas, wie eine hybride Linie. Irgendwie. Auf alle Fälle: böse.

Quelle: Wikipedia – die Queen, Bush junior und natürlich Tony Blair!

Wie Icke auf so etwas kommt? Nun, es ist nicht bekannt, was die Stimmen in seinem Kopf noch so von sich gegeben haben. In einer Reportage des VICE-Magazin von 2012, klopfte Icke auf die deutsche Ausgabe seines Klassikers „Der Löwe erwacht“. Zufrieden bemerkte er dabei: „That is not a theory, that is evidence supporting a fact.” – Kellyanne Conway könnte Icke damit direkt als weiteren Berater ins Weiße Haus holen. Es ist natürlich nicht bei Reptiloiden geblieben. Ickes Repertoire macht vor keiner Form des Veschwörungsglaubens halt. Damit hat er eine bemerkenswert große Anhängerschaft angesammelt. Hier treffen sich Truther, Infokrieger, Wahnwichtel, New Ager, Impfgegner – kurz: so ziemlich alles, was nicht alle Tassen im Schrank hat. Darüber kann man lachen, den Kopf schütteln, aber soll man so etwas tolerieren? Ickes Ausführungen, so wirr und widersprüchlich sie sind, leiten direkt in das, in der Regel antisemitische, Narrativ finsterer Mächte, die die Welt beherrschen.

“It was the Rothschilds who funded the early ‘Jewish’ settlers in Palestine; it was the Rothschilds who helped to create and fund Hitler and the Nazis in the Second World War which included the sickening treatment of Jews, gypsies, communists, and others” David Icke, The Biggest Secret: The book that will changed the World

Der Name Rothschild fungiert dabei als ein Zauberwort, dass Wahrheitssuchende über den rechten Rand hinaus rutschen lässt. Insbesondere in der deutschen Verschwörungsszene erfreut sich Icke größter Beliebtheit. Die Überzeugung, fremde Mächte hätten die Deutschen ins Unglück geschickt, bedient auch den Opfermythos. In Deutschland wird David Icke vor allem über den Mosquito Verlag aus Immenstadt verlegt. Der Verlag ist so etwas, wie eine kleine Version von Kopp. Hier gibt es neben ausgesuchten Werken Ickes ein Potpourri esoterischer Literatur, oft mit geschmacklos kitschigen Buchdeckeln und einladenden Titeln wie „Verbündet mit Außerirdischen“ versehen. Daneben phantasieren andere Autoren über die Wunderwaffen des dritten Reiches. Darüber hinaus wird Icke in Deutschland insbesondere durch den Reichsbürger Jo Conrad rezipiert. Conrad ist eine der bekanntesten Figuren der deutschen Verschwörungsszene. Auf Bewusst.TV verbreitet Conrad seit vielen Jahren erfolgreich und regelmäßig hanebüchenen Unsinn. Gleich mehrfach war auch Icke bei Conrad zu Gast.

Quelle: Youtube – Konspiratisten unter sich. David Icke (links), Jo Conrad (rechts).

Wir nähern uns damit immer mehr der Frage, warum es nicht den geringsten Grund gibt, jemanden wie Icke ein Forum zu bieten. Neben antisemetischen Deutungsangeboten verspricht Icke so etwas wie Heilung durch Erkenntnis, die es erlaubt die behindernden Frequenzen der Mond-Matrix auszuschalten. Endlich aus dem „sheeple“ Schlaf zu erwachen. Es ist ein Rezept mit dem Icke seit vielen Jahren Hallen füllt, ohne dass es auch nur irgendjemanden stört, dass Icke trotz dieser Erkenntnis immer noch mit einer Arthritis im Knie herum läuft. Oder das er überhaupt noch herum läuft, Vorträge hält und nicht längst durch eine geschickte Frequenzverschiebung ins Jenseits, oder was auch immer, befördert wurde. David Icke wird dieses Jahr wieder auf Tournee gehen. Ein Auftritt in der Carl-Benz-Arena in Stuttgart wurde bereits durch die Veranstalter abgesagt – erst nachdem auf der Facebook-Seite der Betreiber reihenweise Beschwerden eingingen.

Quelle: Homepage David Icke

Inzwischen hat sich mit dem Maritim Hotel in Berlin ein neuer Veranstalter gefunden, der David Ickes Welt aus „alternativen Fakten“, antisemitischer anschlussfähiger Weltdeutungen und der vermittelten vagen Hoffnung auf eine Erklärung für die Wirrungen des Lebens ein Forum bietet. Das Veranstaltungsplakat verspricht Aufklärung über die Medien, New World Order und Transhumanismus (mit dem ich mich hier beschäftigt habe). Es ist erstaunlich, dass sich ausgerechnet das Maritim Hotel damit erneut eine Person ins Haus holt, über deren Seriosität ernste Zweifel angebracht sind. Wer Björn Höcke raus schmeißt, aber David Icke ohne weiteres akzeptiert, zeigt keinerlei Ernsthaftigkeit oder Verantwortung in seinen Entscheidungen. Zwischen 60 und 85 Euro kostet ein Ticket für David Icke im Maritim Hotel Berlin – vielleicht eine Erklärung dafür, warum sich „alternative facts“ durchaus lohnen.

Kommentare sind geschlossen.