Vaxxed: Offener Brief an Kinofans und -betreiber

Liebe KinobetreiberInnen, liebe KinobesucherInnen,

seit April 2017 wird der Film Vaxxed: From Cover-up to Catastrophe in deutschen und österreichischen Kinos gezeigt. Vorstellungen des Films sind im Mai bereits in Berlin und Wien geplant. Das Werk des britischen Impfkritikers Andrew Wakefield stellt einen längst widerlegten Zusammenhang zwischen Autismus und der Impfung gegen Mumps, Masern und Röteln (MMR-Impfung) her. So können Eltern durch die Darstellung von Verschwörungstheorien verunsichert und von der Impfung ihrer Kinder abgehalten werden. Auch anhaltende Impfkritik führte in der Vergangenheit in Berlin und Teilen der USA zu Masernausbrüchen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) konnte in Folge ihr Ziel der vollständigen Eradikation (Auslöschung) von Röteln und Masern in Europa auch 2016 nicht erreichen. In Berlin gab es im Oktober 2014 einen der größten Masernausbrüche der letzten zehn Jahre.

Eine Eradikation von Masern kann durch das Erreichen einer Herdenimmunität gesichert werden. Hierfür muss ein bestimmter Prozentsatz einer Population Immunität (durch Durchleben der Erkrankung oder eine Impfung) besitzen, damit der Erreger sich nicht mehr ausreichend ausbreiten und so Ungeimpfte nicht befallen kann. Die WHO setzt dafür eine Schwelle von ca. 95% geimpften Personen (bei Masern) innerhalb eines Landes. In Deutschland stagniert diese Quote bei ca. 93%, regional werden teilweise unter 70% erreicht.
Mumps, Masern und Röteln sind keine zu verharmlosenden Kinderkrankheiten. Masern führt in einer großen Mehrheit der Fälle zu hohem Fieber und Hautausschlag (Exanthem). Selten (0,01% bis 0,1% der Fälle) kann eine Masernerkrankung zu einer Entzündung des Gehirns (Enzephalitis) führen, die in bis zu 30% tödlich verlaufen kann. Diese Nebenwirkungen treten bei einer MMR-Impfung in sehr vermindertem Maß auf. Nur 5% der geimpften Kinder bekommen einen Hautausschlag und Fieber. Von einer Hirnentzündung nach der MMR-Impfung wird in geringer als 1/1.000.000 Fällen berichtet (0,0001%). Mumps kann in ca. 15% der Erkrankungsfälle eine Hirnhautentzündung (Meningitis) verursachen und in 1/20.000 Fällen zu Taubheit führen (0,005%). Von einer Taubheit nach einer MMR-Impfung wurde nicht berichtet, eine Meningitis ist ebenfalls sehr selten (1/1.000.000 Fälle). Die Erkrankung einer Schwangeren mit Röteln führt in mehr als 60% der Fälle (im ersten Schwangerschaftsmonat) zu einer Rötelnembryopathie (auch Gregg-Trias). Die Gregg-Trias beeinhaltet einen angeborenen Herzfehler, Innenohrschwerhörigkeit und einen Katarakt (Grauer Star). Diese Rötelnembryopathie wird durch eine Impfung verhindert. Weitere Informationen zu den Daten sind hier zu finden. Zusammenfassend ist die MMR-Impfung zwar nicht nebenwirkungsfrei, schützt aber vor irreversiblen Konsequenzen einer Erkrankung mit Mumps, Masern oder Röteln.

Der Regisseur des Films, Andrew Wakefield, veröffentlichte 1998 im Lancet eine Studie mit einer Stichprobe von 12 Kindern, in der er einen möglichen Zusammenhang zwischen Autismus, einer Entzündung des Darms und der MMR-Impfung diskutiert. Diese Arbeit wurde als Betrug entlarvt und 2010 von dem Journal Lancet zurückgezogen. Weitere Informationen zu Wakefields Studie finden Sie auch auf dem Blog des Goldenen Aluhuts.
In Vaxxed wird ein Betrug des Center for Disease Control and Prevention (CDC, Amerikanische Gesundheitsbehörde) postuliert. Demnach sei dem CDC ein Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und Autismus bekannt, der bis heute vertuscht wurde. 2005 konnte eine große japanische Populationsstudie einen Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und dem Anstieg der Autismusinzidenz widerlegen. Eine Korrelation zwischen Autismus und der MMR-Impfung widerlegte ebenfalls eine dänische Studie, die über 500.000 Kinder erfasste. Die im Film geäußerte Behauptung ist also nach heutigem Forschungsstand falsch. Außerdem wird in Vaxxed prophezeit, dass 2032 50% aller Kinder mit der Diagnose Autismus (Autismus-Spektrum-Störung) konfrontiert sein werden. Autismus hätte vor den 1930er Jahren praktisch nicht existiert. Dieser Anstieg wäre auch durch Impfungen zu erklären. Das im Film zitierte Center for Disease Control and Prevention gibt für 2012 eine Prävalenz von 14,6/1.000 Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung an. Das bedeutet, dass ca. 1,5% aller Kinder in den USA mit Autismus diagnostiziert werden. In Deutschland wird von Daten zwischen 0,9% – 1,1% (Arbeiten ab dem Jahr 2000) ausgegangen. Der Anstieg der Prävalenz lässt sich laut der deutschen Leitlinie zu Autismus-Spektrum-Störungen durch standardisierte Screeningverfahren großer Kohorten in Studien und durch eine verbesserte Diagnostik erklären, so dass auch Kinder mit sehr milden Verlaufsformen diagnostiziert werden können.
Weder eine zukünftige explosive Erhöhung der Autismusdiagnosen noch ein Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und Autismus können bewiesen werden. Trotzdem wird dies in Vaxxed behauptet. Steigende Impfskepsis führt zu Krankheitsausbrüchen und verhindert eine Eradikation vermeidbarer Infektionserkrankungen. Dank Impfungen konnten 1979 die Pocken weltweit als ausgerottet erklärt werden, die WHO will bis 2018 Poliomyelitis (Kinderlähmung) auslöschen. Ziel der WHO war es außerdem, Europa bis 2015 als masern- und röteln-frei erklären zu können. Dies konnte nicht erreicht werden.

Vaxxed trägt dazu bei, die Impfskepsis bei Zuschauern zu schüren, vermeidbare Erkrankungen mit möglichen Langzeitfolgen können so nicht verhindert werden. Liebe KinobetreiberInnen, bitte unterstützen Sie deswegen diesen Film nicht mit einer Vorstellung. Liebe KinobesucherInnen, bitte unterstützen Sie diesen Film nicht mit Ihrem Eintrittsgeld.

Elisa Tackmann vom Goldenen Aluhut

Quellen:
– Spiegel Online: Masern-Ausbruch in den USA – Alarm im magischen Königreich (06.02.2015, abgerufen am 10.05.2017)
– Robert Koch Institut: Elimination der Masern und Röteln in Europa (21.05.2015, abgerufen am 10.05.2017)
– Deutsches Ärzteblatt: Elimination von Masern und Röteln: Keine signifikante Verbesserung (2016, bgerufen am 10.05.2017)
– Meyer, Christiane, and Sabine Reiter. „Impfgegner und Impfskeptiker.“ Bundesgesundheitsblatt-Gesundheitsforschung-Gesundheitsschutz 47.12 (2004): 1182-1188.
– DocCheck Flexikon: Rötelnembryopathie (abgerufen am 10.05.2017)
– Wakefield, Andrew J., et al. „RETRACTED: Ileal-lymphoid-nodular hyperplasia, non-specific colitis, and pervasive developmental disorder in children.“ (1998): 637-641.
– Deer, Brian. „How the case against the MMR vaccine was fixed.“ BMJ 342 (2011): c5347.
– Honda, Hideo, Yasuo Shimizu, and Michael Rutter. „No effect of MMR withdrawal on the incidence of autism: a total population study.“ Journal of Child Psychology and Psychiatry 46.6 (2005): 572-579.
– Madsen, Kreesten Meldgaard, et al. „A population-based study of measles, mumps, and rubella vaccination and autism.“ N Engl J Med 2002.347 (2002): 1477-1482.
– CDC: ASD – Data & Statistics (abgerufen am 10.05.2017)
Interdisziplinäre S3-Leitlinie der DGKJP und der DGPPN sowie der beteiligten Fachgesellschaften, Berufsverbände und Patientenorganisationen (Stand: 23.02.2016, abgerufen am 10.05.2017)
– Robert Koch Institut: Häufig gestellte Fragen zu Pocken (Stand 01.03.2004, abgerufen am 10.05.2017)
– WHO: Global leaders support new six-year plan to deliver a polio-free world by 2018 (25.04.2013, abgerufen am 10.05.2017)