Wir unter Impfgegnern II – Impfquark

An einem wechselhaften Samstagvormittag verließ ich (Elisa) die U-Bahn am Bahnhof Reinickendorfer Straße. Direkt vor dem grauen Betonklotz der Berliner Bayerwerke hatte sich eine bunte Gruppe um einen Lastwagen versammelt. Orange Luftballons wurden verteilt. Kleinkinder liefen wild durcheinander. Was eigentlich an ein Kindergartenfest erinnert, war eine Demonstration von ImpfgegnerInnen. Und auf den Luftballons prangte der Slogan: “Impfen muss freiwillig bleiben!”. Die Impfpflicht ist Thema der Bundestagswahl und wird im Wahl-o-mat behandelt.

Giulia, Stefan, Jörn und ich waren vor Ort, um das Geschehen zu beobachten und den Thesen der ImpfgegnerInnen zu lauschen. Jörn zählte über 600 Teilnehmer, viele Eltern hatten ihre sehr jungen Kinder im Schlepptau. Menschen aller Altersgruppen in teilweise farbenfroher und alternativer Kleidung applaudierten zu Behauptungen, bei denen jeglicher Ausbruch von Freude oder auch nur Akzeptanz schwer nachvollziehbar ist. Beginnend bei “Autismus durch Impfen” über “Naturrecht gegen Impfzwang” bis hin zur schauderhaften, auf einem Plakat prangenden, Analogie zwischen Impfpflicht, Eugenik und Rassenhygiene. Ein Rapper sang währenddessen über durch die Pharmamafia verführte ÄrztInnen. Stefan und ich verfolgten den Zug, der sich gemächlich in Richtung Alexanderplatz bewegte, aus einiger Entfernung.

Auf viele geäußerte Thesen der Impfgegner und die Inhalte der Plakate sind Giulia und Stefan bereits eingegangen. Deswegen möchte ich mich hier auf einige Argumente auf dem Flyer beziehen, der uns gegen Ende der Demo in die Hand gedrückt wurde. Diese Argumente wurden auch von Rednern während der Demo geäußert.

“In der Praxis herrscht […] vollkommenes Unwissen über mögliche Nebenwirkungen [von Impfungen], laut Paul-Ehrlich-Institut liegt die Dunkelziffer beim Melden von unerwünschten Impfreaktionen trotz bestehender Meldepflicht bei 95 Prozent!” (Quelle: Demoflyer)

Demoflyer (zum Vergrößern anklicken)

Hier muss zunächst zwischen einer normalen Impfreaktion, also bspw. Rötung und Schwellung an der Einstichstelle, und einer tatsächlichen Impfkomplikation, die über eine normale Immunreaktion auf den Impfstoff hinausgeht, unterschieden werden. Laut § 6 Abs. 1 Infektionsschutzgesetz sind diese namentlich meldepflichtig, nämlich durch den Arzt/Ärztin an das Gesundheitsamt. Das Paul-Ehrlich-Institut führt sowohl eine Datenbank über gemeldete Verdachtsfälle als auch bestätigte Fälle von Impfnebenwirkungen, die durch das Gesundheitsamt gemeldet werden. Zudem kann jeglicher Verdachtsfall durch den/die Geimpfte selbst online an das Paul-Ehrlich-Institut gemeldet werden. Diese Datenbank ist hier (http://www.pei.de/DE/arzneimittelsicherheit-vigilanz/pharmakovigilanz/uaw-datenbank/uaw-datenbank-node.html) einsehbar. Mögliche Nebenwirkungen sind also bekannt und werden transparent in dieser Datenbank dargestellt. Die benannte 95-prozentige Dunkelziffer stammt aus einer Publikation des Gesundheitsblattes (http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/Bedeutung/Downloads/keller_stanislawski_auswertung.pdf?__blob=publicationFile) aus dem Jahr 2002, in dem Lasker et al. (https://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=97564) zitiert werden, die 1991 schätzten, dass nur 5% aller schwerwiegenden Nebenwirkungen von Arzneimitteln im Rahmen von Spontanerfassungssystemen gemeldet werden. Als Grund nannten sie u.a. die Unkenntnis der ÄrztInnen über diese Systeme. Lasker et al. bezogen sich damals sehr allgemein auf jegliche Arzneimittel. Zudem trat erst zum 01.01.2001 das Infektionsschutzgesetz (https://www.pei.de/SharedDocs/Downloads/bundesgesundheitsblatt/2004/2004-impfkomplikationen-infektionsschutzgesetz-verdachtsfaelle-arzneimittelgesetz-2001-2003.pdf?__blob=publicationFile&v=1) in Kraft, das die Meldung von Impfkomplikationen erstmals gesetzlich regelte. Die genannten Zahlen sind demnach im Mindesten obsolet und können sich gar nicht im engeren Sinne auf das heutige Meldungssystem von Impfkomplikationen beziehen

“Nicht nur die KIGGS-Studie des RKI [Robert-Koch-Institut], auch andere […] zeigen, dass ungeimpfte Kinder und Jugendliche teils deutlich seltener an chronischen Erkrankungen leiden als geimpfte.” (Quelle: Demoflyer)

KiGGS steht für Kinder – und Jugendgesundheitssurvey, einer repräsentativen Studie unter 17 641 Probanden zwischen 0 bis 17 Jahren (in der ersten Basiserhebung zwischen 2003 und 2006). Folgende Auswertung (https://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=80866) konnte keinen Unterschied zwischen geimpften und ungeimpften Kindern im Auftreten von allergischen Erkrankungen und der Zahl von Infekten erkennen.

Nur 0,7% der Kinder (N=94) hatten keine Impfungen erhalten. Das 95-%-Konfidenzintervall sagt aus, dass der tatsächliche Wert des genannten Parameters zu 95% im angegebenen Intervall liegt, in dieser Studie bspw. das Auftreten von allergischen Erkrankungen. Überschneiden sich die Intervalle, hier zwischen Geimpften und Ungeimpften, gibt es keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen. Dies ist in der Auswertung von Schmitz et al. (2011) der Fall. Es kann aus dieser Auswertung nicht geschlossen werden, dass ungeimpfte Kinder seltener an Infekten oder allergischen Erkrankungen leiden. Eine andere Auswertung zu chronischen Erkrankungen und Impfungen aus der KiGGS konnte ich nicht finden.

Diese Thesen halten einer gründlichen Recherche nicht stand. Ebenso wie viele Argumente gegen das Impfen, die auf dieser Demo geäußert wurden, und die durch weitergehende Forschung (bspw. die MMR-Impfung und Autismus https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2908388/ ) widerlegt wurden. Das Robert-Koch-Institut beantwortet hier (http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/Bedeutung/Schutzimpfungen_20_Einwaende.html) häufige Einwände gegen des Impfen.

Diese Thesen können darausfolgend keine Argumente für das Kernthema der Demo darstellen, nämlich die Ablehnung der Impfpflicht. Deswegen bitte ich dich, geneigter Leser, geneigte Leserin, deine Entscheidung zur Impfpflicht, auch im Hinblick auf die Bundestagswahl, auf anderen Argumenten zu stützen.

von Elisa Tackmann

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