Batterien aus Vakuum und goldene Fontänen

von Vic Schulte
Beim dritten „Spirit of Health“-Kongress trafen sich am Wochenende Alternativmediziner und Naturheilkundler im Maritim Hotel Berlin, um sich gegenseitig ihre schönsten Fantasien und Märchengeschichten zu erzählen. Von namhaften Rednern wie MMS-Erfinder Jim Humble und Andreas Kalcker über die unvermeidlichen Impfgegner bis zu den Freunden des eingekochten Eigenurins war für jeden was dabei. Der Goldene Aluhut hat sich, finanziert durch die Community, das bunte Spektakel des pseudowissenschaftlichen Schwachsinns zu Gemüte geführt.

Die Seriosität der Veranstaltung zeigte sich bereits auf der Website, wo anstelle einer Cookiewarnung ein Disclaimer aufpoppt: „Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass weder wir, noch einer der Referenten medizinische Empfehlungen geben oder Diagnosen stellen. Wir möchten Sie außerdem darauf hinweisen, dass nicht alle Themen dieser Konferenz medizinisch belegt sind und teilweise ausschließlich auf langjährigen Erfahrungen beruhen. (…)“
Andreas Kalcker, Speaker beim ersten Programmpunkt, dem wir beiwohnen, orientiert sich an diesem Disclaimer. „Medizinisch nicht belegt“ und „auf langjährigen Erfahrungen beruhend“ beschreibt sein Geschwurbel sehr treffend. Der selbsterklärte Biophysiker hat seinem Vortrag passend zum Inhalt einen in sich widersprüchlichen Titel gegeben: „Gesundheit verboten, unheilbar war gestern“. Nachdem der MMS-Anhänger sich kurz vorgestellt hat, macht er im ersten inhaltlichen Satz direkt seine dürftige Expertise deutlich: „Wir sind, als Menschen, eine Batterie.“

Der menschliche Körper (Symbolbild)

„Elektrizität ist das, was unser Leben am Leben hält. Und was ist jetzt eine Krankheit?“, fragt er. In diesem Moment streikt seine PowerPoint-Präsentation. Da müsse er wohl aus dem Kopf arbeiten, stellt Kalcker fest und setzt da an, wo er nicht aufgehört hatte: „Also, wie wird jetzt diese Energie generiert? Energie wird so generiert, indem wir Sachen verbrennen. Wir verbrennen also Giftstoffe, wir verbrennen Nahrungsmittel und wir verbrennen auch alle anderen Substanzen im Körper, indem wir sie zu uns nehmen – das ist also ein Verbrennungsprozess. Und wenn wir jetzt davon ausgehen, dass ein Verbrennungsprozess in Wirklichkeit nichts anderes ist als Brennstoff plus Sauerstoff.“

Menschen seien leicht alkalisch und das interessante sei, dass das Blut in den Venen einen pH-Wert von 7,3 habe und in den Arterien 7,4. Für ihn als Physiker seien aber insbesondere die Voltzahlen interessant: Arterielles Blut habe -25 Millivolt und Venöses -20 Millivolt. „Was heißt denn das überhaupt?“, fragt Kalcker, beantwortet diese berechtigte Frage jedoch nicht, sondern schließt eine weniger berechtigte Frage an: „Wie bekomme ich meinen Körper leichter alkalisch?“ Durch das Atmen, eröffnet er seinem Publikum und weiht die Anwesenden in eine weitere bahnbrechende Erkenntnis ein: „Wir atmen konstant.“ Das wichtigste Vitamin nach der Geburt sei „Vitamin O“, denn „Vitamin“ heiße „notwendig zum Leben“, und daher sein Sauerstoff eben auch ein Vitamin. Das werde aber oft übersehen.

Weil nun also das Blut in den Arterien einen höheren pH-Wert habe als das in den Venen, könne man offensichtlich durch Atmen sein Blut alkalisieren. „Das können wir ruhig alle mal machen“, sagt Kalcker. Das Publikum folgt seinem geistreichen Vorschlag und holt tief Luft – für viele zuvor Unwissende war es vermutlich der erste Atemzug des Tages.

„Jetzt kommt also Sauerstoff in das Blut – aber wer nimmt denn das ab? Ich habe die roten Blutkörperchen, die Erythrozyten, da ist jetzt der Sauerstoff drin, und warum gebe ich ihn ab? Weiß das jemand?“, fragt Kalcker ins Publikum. Als niemand seine seltendämliche Frage zu beantworten weiß, erklärt er, das sei doch ganz einfach: Wenn man Sport mache, entstehe in den Muskeln Milchsäure. Und wenn das Blut da vorbeifließe, werde der Sauerstoff dort abgegeben. Weil es da sauer sei. Ob Choleriker demnach auch mehr Sauerstoff verbrauchen? Leider werden keine Zwischenfragen zugelassen.

Er fährt fort und erklärt, die Mitochondrien seien dafür verantwortlich, „in unserem Körper Energie zu machen, denn wenn Krankheit Energiemangel ist, müssen wir doch erstmal fragen, wer macht denn überhaupt Energie, wo kommt die Energie überhaupt her?“ Sie werde von den Mitochondrien erzeugt, indem diese Zucker, Kohlenstoff und Sauerstoff verbrennen. Die interessante Frage sei nun, wieviel Sauerstoff die Mitochondrien zur Verfügung hätten – nämlich fast gar keinen. Und das sei das Problem. „Was machen die Feuerwehrleute? Die nehmen den Sauerstoff weg. Wenn wir keinen Sauerstoff haben, dann verbrennen wir nichts mehr. Und das ist unser Problem heutzutage. Wir sitzen zu viel, vor dem Computer oder wo auch immer, und wir bewegen uns heute im Schnitt 800 Meter und vor 100 Jahren waren das noch im Schnitt 15 Kilometer am Tag. Das heißt, die Sauerstoffzufuhr zu den Zellen ist eine ganz andere.“

Nachdem er das in liebevoller Kleinarbeit herbeifantasierte Problem erklärt hat, präsentiert Kalcker seine Lösung: Chlordioxid. „Wir haben auch Oxidantien, die können Sauerstoff speichern. Wie eine Batterie muss man sich das vorstellen.“ Und das von ihm angepriesene Chlordioxid, das sei auch ein Oxidant.

Bei Einatmung sei Chlordioxid giftig, warnt Kalcker, relativiert jedoch sofort: „Was ist noch alles giftig beim Einatmen? Zum Beispiel Wasser. Wenn ich Wasser einatme, was passiert denn dann?“ Dann ertrinke man, und das sei eine Lungenvergiftung. Hier liegt er natürlich völlig richtig: Ertrinken und Ersticken sind Lungenvergiftungen, so wie Knochenbrüche Skelettvergiftungen und Vokuhilas Haarvergiftungen sind. „Auf jeder Wasserflasche müsste eigentlich ein Warnhinweis abgedruckt sein“, scherzt Kalcker und das Publikum lacht artig.

Chlordioxid werde in der Abwasserreinigung und als Desinfektionsmittel für Blutkonserven eingesetzt, sei aber kein Medikament. Man dürfe es außerdem nicht mit Chlorbleiche verwechseln. Man müsse nämlich verstehen: MMS ist Chlorbleiche, aber Chlorbleiche ist nicht MMS. Das habe er auch gerade Frontal21 erklärt, aber die würden ihn wohl verreißen. Dieser schlechte Journalismus, der alles zerreiße, sei gefährlich. Kalcker empfiehlt: „Da müssen wir alle mal mithelfen und unsere Meinung schreiben“.

Lieber nicht legal als kriminell

„Chlordioxid erhöht den Sauerstoff im Blut. Aber nicht im roten Blutkörperchen.“ Es sei kein Medikament, es führe dem Körper nur genügend Sauerstoff zu, dass dieser von selbst gesund bleibe oder werde. „Das ist eine der größten Entdeckungen der Menschheit der letzten 100 Jahre!“ verkündet Kalcker mit dem Charisma eines stellvertretenden Stadtsparkassendirektors und wartet, bis das Publikum pflichtbewusst anfängt zu klatschen.

Krankheiten entstünden durch einen Sauerstoffmangel. Man müsse sich das so vorstellen: Ein rotes Blutkörperchen sei ein Riesending, vor allem wenn es angeschwollen sei, und passe durch kleine Venen gar nicht durch. Chlordioxid hingegen sei so klein, das könne überall durch. Dadurch würden die Mitochondrien wieder mit Sauerstoff versorgt und „das ganze vergammelte Gewebe“ habe wieder Energie. Wenn man nur sechs Tropfen Chlordioxid-Mischung zu sich nehme, rechnet Kalcker vor, stünden 433 Millionen Sauerstoff-Moleküle pro rotem Blutkörperchen zur Verfügung. Begeistert von sich selbst fügt er hinzu: „Wow.“

Welche Folgen das hätte, demonstriert er anschließend anhand von „Studien und Fakten“ und erzählt einige Wunderheilungsmärchen – wobei er natürlich niemandem die Einnahme oder Behandlung mit Chlordioxid empfehlen würde, das sein schließlich illegal und somit kriminell, wobei aber unterlassene Hilfeleistung auch kriminell sei beziehungsweise eben nicht legal. „Ich bin lieber nicht legal als kriminell. Und das ist der Grund, warum ich seit zehn Jahren hier immer wieder stehe gegen Wind und Wetter und wasauchimmer.“ Für diese grenzenlose Tapferkeit erntet er Zwischenapplaus.

Alles ist Frequenz, aber es gibt keine Wellen

Kalcker schneidet ein zweites Thema an, mit dem er sich intensiv beschäftigt: Frequenzforschung. Alles sei eine Frequenz. „Sie hören mich jetzt, weil ich eine Frequenz aufmache und Sie können mich verstehen. Ich kann meine Frequenz auch ändern, zum Beispiel wenn ich Spanisch spreche.“ Wenn die Frequenz richtig sei, könne der Körper das verstehen – für Deutsche brauche man daher „die deutsche Frequenz“. Dass diese bei 88 totalen Hertz liegt, vergisst er leider zu erwähnen.

Es sei sehr wichtig, dass man dieses Thema verstehe. „Wenn man uns immer erzählt, alles ist eine Welle, das ist falsch – es gibt keine Wellen. Das sind alles Spiralen.“ Eine Darstellung als Welle sei eine mathematische Vereinfachung. In Wirklichkeit sei unser Körper dreidimensional: „Vorne, hinten, links, rechts, oben, unten.“ Bei der nächsten wichtigen Frage wird es schwer romantisch: „Was ist Resonanz? Liebe. Liebe ist Resonanz. Ich habe Resonanz zu einer Person oder zu einem Hund oder zu einer Katze oder zu meiner Mama, zu meinem Papa, zu meinen Kindern. Das ist ein Resonanzverhältnis.“

Zum Abschluss seines Vortrages präsentiert Kalcker eine Auswahl an Krankheiten, die er geheilt haben will. Für einige Sekunden zeigt er wahllose Fotos von unlesbaren Laborberichten oder sonstigen Dokumenten, sagt wenige Worte zum Fall oder der Krankheit und geht dann mit einem gelangweilten „geheilt, nächste“ weiter: „Chagas – eine fürchterliche Krankheit, dafür gibt es keine Heilung, geheilt, nächste“. Die Moderatorin nennt diese substanzlose Aufzählung im Anschluss „so berührend“. Nach einer spontanen, resonanzvollen Umarmung wird der nächste Speaker angekündigt: Dr. Harmut Fischer, der über „Neue therapeutische Ansätze mit DMSO“ referiert. Zugunsten einer verlängerten Kaffeepause muss der Großteil seines Vortrages jedoch ohne uns stattfinden.

Im Programm folgt anschließend Naturheilkundler Rainer Taufertshöfer, spezialisiert unter anderem auf „ganzheitliche Ursachentherapie“ und „Milieuumstimmung des menschlichen Organismus“. Der Quacksalber kann es nicht leiden, Quacksalber genannt zu werden. Unter dem Titel „Naturheilkunde unter Dauerbeschuss“ referiert er zu den gemeingefährlichen Angriffen der faktenfanatischen Patientensicherheitsfetischisten.

Taufertshöfer beginnt mit einem kurzen Einblick in seine Arbeit als Naturheilkundler. Eine seiner Methoden ist die „über 130 Jahre wissenschaftlich erforschte“ Iris-Diagnose, für die man eine besondere Gabe brauche. In den Augen seiner Patienten will er sämtliche Erkrankungen und den Lebenswandel der Eltern und Großeltern ablesen können.

Zweiter Indikator sind die Füße. Taufertshöfer demonstriert das anhand eines Fotos von Frauenfüßen am Strand. Der rechte Fuß neige sich nach rechts außen – da sehe man gleich: „Diese Frau ist sehr, sehr aktiv. Die macht gern viele Dinge.“ In ihrem seelischen Gleichgewicht wisse sie genau, was sie will. Aber ein Stück mache sie auch immer etwas, das sie gar nicht wolle. Aus dieser einleuchtenden Auslassung kann man nur folgern: Wenn Sie das Gefühl haben, es geht nicht vorwärts in Ihrem Leben, drehen Sie Ihre Füße ein Stückchen! Geheilt, nächste.

Als drittes Gebiet stellt er „Informationstechnologie“ vor und betont, es sei unheimlich wichtig, sich darüber zu informieren. Dazu empfiehlt er ein Buch, das nicht mehr erhältlich ist. Man könne viel gewinnen, wenn man seinen Körper informiere, denn: „Der Körper ist ein Hohlkörper, ein Resonanzkörper, der aus reinem Vakuum besteht.“ Nachdem er noch einige Fotos von seinen wundersamen Heilungserfolgen mit Chlordioxid, Petroleum und Schwarzer Salbe gezeigt hat, kommt Taufertshöfer zu seinem eigentlichen Thema: Der beispiellosen Verfolgung von harmlosen Naturheilkundlern.

Die Verfolgung der Naturheilkundler begann 1487 mit der Veröffentlichung des Hexenhammers. Denn die wahren Opfer des jahrehundertelangen frauenfeindlichen Massenmordes waren natürlich die Naturheilkundler. „Merken Sie sich das Wort ‚Fakultäten‘!“, verlangt Taufertshöfer. Die Fakultäten hätten die Verfolgung der Naturheilkundler unterstützt. Diese seien dann Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals als Scharlatane und Quacksalber bezeichnet worden. Nächstes Merkwort: „Aussterbegesetz“. Im Heilpraktikergesetz von 1939 beschlossen die Nazis, keine neuen Heilpraktiker mehr zuzulassen, also den Beruf aussterben zu lassen. Dieses Berufsverbot wurde 1952 vom Verfassungsgericht verboten, weshalb sich das Publikum als nächstes „verfassungswidrig“ merken soll. Gerüstet mit diesen wichtigen Begriffen begibt sich Taufertshöfer auf einen wilden Ritt quer durch alle möglichen Wahnvorstellungen, von 5 Millionen Toten durch Psychopharmaka über die lästige Patientensicherheit und die rührend ausgedachte Geschichte einer krebskranken Frau, die daran gestorben ist, dass ihr Mann sie nicht mehr angesehen hat bis hin zu der geistreichen Frage: „Warum vergisst die Schulmedizin, den Menschen von Gott zu erzählen?“ Zum Abschluss schildert der gebeutelte, seit mehr als 500 Jahren verfolgte Naturheilkundler, wie er dem böswilligen Überfalljournalismus einer saufiesen Investigativ-Journalistin des Politik-Magazins Kontraste zum Opfer fiel, öffentlich als Quacksalber bezeichnet wurde und daraufhin todesmutig den rbb verklagte.

Ein warmer Regen aus Information zu Eigenurintherapie

Nachdem der bedauernswerte Quacksalber sein Gejammer beendet hat, folgt ein Block aus zwei Vorträgen zum Thema Urintherapie. Den Anfang macht Dr. Lutz Riedel, ein begeisterter Urin-Fan. Dieses „göttliche Wasser“ enthalte lauter wertvolle Substanzen und es sei ein Wahnsinn, das einfach auszuscheiden und den Berliner Wasserwerken zu vermachen. Die Chinesen seien bereits dabei, aus den Stammzellen aus dem Urin in den Klärwerken menschliche Organe und Zähne zu züchten.

Der Ekel vor Urin sei lediglich anerzogen, findet Riedel, der eigentlich vorhatte, live auf der Bühne ein Anwendungsbeispiel von der Gewinnung bis zur Verwendung zu demonstrieren. Diese sicherlich sehr ansprechende Vorstellung entfällt leider, stattdessen preist Riedel die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten des „goldenen Saftes“ an: Einreiben, Wickel und Packungen, Gurgeln, Zähne putzen, Bäder und Spülungen, Vorbeugetrinken gegen Grippe und Durchfall, Injektionen und Inhalationen. Besonders ergiebig sei die „Morgendosis“, denn nach dem Schlafen erhalte man da ein „Super-Konzentrat“.

Nach den obligatorischen Wunderheilungsgeschichten mitsamt Ekelfotos kommt Riedel zum Ende. Zur weiteren Information empfiehlt er das Buch „Die goldene Fontäne“ und lädt zum Treffen der „Freunde der Harntherapie“ in Bad Salzschlirf ein. Auch auf den nächsten Spirit of Health Kongress freut er sich, denn er hofft, dass man dann gemeinsam anstoßen könne.

Dorothee Osterhagen knüpft an das Thema an. Sie hat sich spezialisiert auf eingekochten Urin und empfiehlt zu diesem Zweck einen Römertopf. Über diese kostenlose Werbung freut sich der Hersteller sicher sehr. Sie gibt einige Tipps, was beim Einkochen beachtet werden sollte und verrät, dass der Mittelstrahl am besten geeignet sei. Dann erzählt sie noch eine ausgesprochen glaubwürdige Anekdote: Einmal habe sie eine Teekanne mit eingekochtem Urin in ihrer Wohnung stehen lassen. Ihre Reinigungskraft, die unter einer schweren Verstopfung litt, habe von dem „Tee“ getrunken und anschließend einige sehr befreiende Minuten in Frau Osterhagens Badezimmer verbracht. Im Anschluss hat sie ihr davon natürlich begeistert erzählt.

Trotz des feucht-fröhlichen Themas bleibt Osterhagens Vortrag insgesamt eher trocken. Nichtsdestotrotz verkündet die Moderatorin, sie habe jetzt auch Lust auf Eigenurin bekommen und überreicht den beiden Harnexperten jeweils einen Teddy. Eine nette Geste, auch wenn sie sich über Zimmerbrunnen sicherlich mehr gefreut hätten.

Schau mir in die Augen, Kleines (aber erst wenn du volljährig bist)

Der letzte Programmpunkt des Tages ist eine Massen-Session mit Braco, einem langhaarigen Kroaten, der sich auf das bedeutungsschwangere Anstarren seines Publikums spezialisiert hat. Die Broschüre der Veranstaltung verspricht einen „Schub spirituellen Lichts“. Aus Sicherheitsgründen blickt Braco nur Volljährige an, auch Schwangere ab dem dritten Monat werden gebeten, den Saal zu verlassen.

Um die Anwesenden darauf einzustellen, welch weltbewegendes Wunder ihnen bevorsteht, wird zunächst eine Mischung aus Dokumentar- und Imagefilm über Braco gezeigt. In den 1990er-Jahren traf der Kroate einen ebenfalls Erleuchteten, der an einem Unfall starb, woraufhin Braco beschloss, dessen Lebenswerk fortzusetzen – schon damals wurde er praktischerweise stets von einem Menschen mit Kamera begleitet. Seitdem reist er quer durch die ganze Welt und starrt von der Bühne herab Menschen an, die daraufhin scharenweise Erleuchtungserlebnisse verspüren. Mitten in seiner über alle Maßen spannenden Geschichte stoppt das Video. Die Veranstalter beschließen, direkt zum Auftritt überzugehen. Die Musik funktioniert jedoch nicht, sodass sich der Auftritt weiter verzögert. Die Spannung bleibt gering.

Als die Musik endlich läuft, kommt Braco auf die Bühne und posiert, als müsse eigentlich eine Windmaschine vor ihm stehen, die seine langen grauen Haare angemessen dramatisch wehen lässt. Dann starrt er ins Publikum. Der „Schub spirituellen Lichts“ steht kurz bevor. Tief in sich müsste man es jetzt spüren können. Und tatsächlich. Erst kaum spürbar, ein abstraktes, nicht greifbares Gefühl, dann immer stärker und schlussendlich kaum noch zu unterdrücken: Der Drang zu Lachen.

Moderator Robert Stein hätte dafür wohl kein Verständnis. Er ist überzeugt davon, dass ein Paradigmenwechsel kurz bevorsteht. Zwischen zwei Vorträgen fasst er die Überzeugung der Quacksalber-Gemeinschaft zusammen. Er prophezeit, auch der Mainstream müsse bald erkennen: „Wenn man merkt, dass man auf einem toten Pferd sitzt, sollte man absteigen“. Bei dem geballten medizinischen Unwissen drängt sich eine leise Ahnung auf, woran das Pferd gestorben sein könnte.

 

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