Ein Besuch auf der Esoterikmesse

von Stefan Sachse
Am 16.02., einem sonnigen Freitagnachmittag, hab ich mich mit Giulia getroffen, um mit ihr gemeinsam die Esoterikmesse im AVZ Logenhaus Berlin zu besuchen. Dort wollten wir uns den Vortrag über feinstoffliche Chirurgie anhören und die Stände anschauen.
Unter feinstofflicher Chirurgie konnte ich mir erstmal gar nichts vorstellen. Ich hatte in Studium und Weiterbildungen zwar viel mit Biologie zu tun gehabt, und auch mit Medizin, aber davon hatte ich bisher tatsächlich noch nicht viel gehört. Da es meine erste Esoterikmesse war, hab ich mir im Vorfeld schon viele Gedanken gemacht, was uns dort erwartet. Überspitzt gesagt hab ich jede Menge Hare Krishna-Anhänger fortgeschrittenen Alters erwartet, in bunte Tücher gewickelt mit dem Ausdruck der totalen Glückseligkeit im Gesicht.

Vor dem Eingang des Logenhauses standen überwiegend junge Frauen, die eigentlich „ganz normal“ aussahen, haben sich unterhalten und noch eine Zigarette geraucht. Es hätte auch vor einer Uni sein können. Streng genommen sah ich mit meinen Piercings und Ohrringen noch am ungewöhnlichsten aus. Da ist man selbst überrascht, wie man doch immer wieder Vorurteile entwickelt.
Da der Vortrag schon begonnen hatte, wobei das akademische Viertelstündlein noch nicht erreicht war, sind wir gleich rein und haben uns in den Vortragsraum begeben. Wir haben ziemlich weit hinten zwei Plätze entdeckt und sie uns gesichert.

Lebensberatungsecke auf der Esoterikmesse

Vor einem kleinen Publikum von ca. 20-30 Leuten stand ein Mann, der von sich behauptete feinstoffliche Chirurgie zu betreiben. Geschätzte 40 bis 50 Jahre war er alt, hatte lange Haare und ein Allerweltsgesicht. Diese langen Haare, gepaart mit dem restlichen Outfit, hatten etwas Beruhigendes und erinnerte mich an Bilder von Germanistikstudenten auf Lehramt in den ´70ern.

Das erste was ich mitbekommen hatte, war die Frage ob schon mal jemand mit feinstofflicher Chirurgie zu tun gehabt hätte, oder wisse was das ist. Zwei, drei Leute meldeten sich, und ich dachte mir eher: ‘Was er wohl denkt, warum ich da sitze?’.
Dann fängt er an zu erzählen worum es geht. Er erzählt, dass dabei die Menschen nicht aufgeschnitten werden, sondern dass Energiefelder „repariert“ werden. Dann erzählt er weiter, dass ja alles im Grunde nur aus Wellen bestehen würde, das könnte jeder Physiker bestätigen. Ich musste mich sehr beherrschen um nicht vehement zu widersprechen. Es gibt viele Theorien zu verschiedenen Phänomenen, manche lassen sich mathematisch beweisen, andere nicht. Aber wirklich wissen woraus Materie besteht, tun wir dann doch noch nicht. Bei den kleinsten Teilchen in der Teilchenphysik ist man sich nicht mal einig ob die Null oder eindimensional sind, also ob punktförmig oder strichförmig, sog „Strings“. Aber gut, ich schweife ab.
Der „Heiler“ fragte dann ins Publikum ob es jemanden gibt, der Schmerzen hätte und behandelt werden möchte. Ein paar Hände gingen hoch.
Darunter fielen mir zwei Leute auf. Den ersten nenne ich mal „den Skeptiker“, weil er sich im Vorfeld durch Zwischenrufe bereits geoutet hatte. Die zweite Person war eine junge Dame, die endlich mein Klischeebild erfüllte, inklusive glückseligem Lächeln. Wobei ich das zugegebenerweise erst später gesehen hatte.

Er guckt sich um und die Spannung steigt. Wen wird er nehmen? Den Skeptiker, wo er wirklich ein Wunder vollbringen müsste um eine Reaktion in ihm hervorzurufen, oder die junge Dame, die eh schon davon überzeugt ist? Überraschung: er nimmt die junge Dame, weil, wenn er sie behandelt würden alle davon profitieren.
Ja, klar.

Auch Karmaleser boten ihre Dienste an.

Er fängt dann an, ihr Energiefeld zu fühlen, was in etwa so aussah, wie David Copperfield, kurz bevor er die Freiheitsstatue verschwinden ließ. Die junge Dame fing auch an in den passenden Momenten zu zucken, so dass die Show schon sehr realistisch wirkte und ich darauf wartete dass sie verschwand. Er war dann fertig mit der Diagnose und die Frau noch da. Sie hätte Trauer in ihrem Herzen, der nicht ihr gehörte und das würde die Schmerzen verursachen. Eine Aussage die völlig frei interpretierbar ist. Dadurch neigen Leute, diese Lücke selbst mit Informationen zu füllen.

Er würde jetzt ihre Trauer nehmen und ihr Herz wieder sortieren, sagte er. Dabei sah er so aus, wie ein Pantomime der eine Schublade aus ihrem Rücken zieht und die Akten sortiert….. Ich fand die Vorstellung schon etwas fantasielos, und hätte mir doch was Besseres einfallen lassen, als ausgerechnet ein Aktenschrank. Aber es soll ja in dem Zuschauer etwas Vertrautes und Logisches auslösen um die Sache glaubhaft zu machen. Und Akten zu sortieren ist ein zumindest theoretisch für jedermann vertrauter Prozess.
Nachdem bei der jungen Dame also wieder alles klar Schiff war, warf ein Mann im Publikum die Hände in die Höhe und rief: “Hallelujah!”.
Vermutlich auch ein Skeptiker.

Medium Elena möchte dein Karma bereinigen
(zum Vergrößern Klicken)

Nachdem der Heiler weitere zehn Minuten mit belanglosem Blabla gefüllt hatte, wollte er uns alle seine Energie rüberschicken und uns das mit einem Experiment zeigen, das ihr Zuhause nachmachen könnt. Damit das funktioniert hab ich auf der YouTube Universität eine Kurs gemacht um euch nun meine Energie dabei rüberzuschicken. 😉
Wir sollten die Arme nach vorne strecken und die Handinnenfläche zu uns, bis sich Hautfalten an den Handgelenken bilden. Dann die Hände zusammenführen, wobei die oberste Falte zwischen Hand und Arm übereinander liegen sollen. Also jeweils von der linken und rechten Hand. Nun sollte man mit den Händen ein Kelch formen, um sich mit der Umgebung zu neutralisieren und danach die Handflächen zusammenführe, als würde man beten. Jetzt sollte man sich die Finger ganz genau angucken und die Länge vergleichen. Die Finger mit dem größten Längenunterschied links und rechts sollte man sich merken und konnte die Hände wieder auseinander nehmen.
Nachdem er jetzt seine Energie durch den Raum hat fließen lassen (und ich durch diese Zeilen), sollten wir wieder die Arme ausstrecken und die Handinnenfläche wieder zu uns. Nun die wieder die obersten Hautfalten aufeinander legen und Hände in Gebetsposition bringen.
Wenn ich mir jetzt wieder die Finger angucke, stelle ich fest dass die Finger plötzlich gleich lang sind. Behauptet er. Gut, bei mir hatte es nicht

Schutzamulette und Lebensbäume

geklappt aber ich war ja auch skeptisch, deswegen konnte ich seine Energie nicht aufnehmen.
Die Erklärung, warum das mit den Fingern klappen würde war, weil man nicht an die Finger denkt. Wenn man also irgendwo akute Schmerzen hat, kann er nichts machen weil man ja ständig an die Stelle denken würde.
Außerdem würde er überhaupt gar nichts heilen, sondern er aktiviere lediglich die Selbstheilungskräfte des Patienten.
Also schlussfolgere ich daraus, dass das alles Quatsch ist, wenn man ihm so zuhört.
Denn die meisten Menschen gehen ja zum Arzt, weil sie etwas haben, und genau in dem Moment kann der Heiler nichts machen. Was soll man mit einem Heiler, der wenn man krank ist, nichts tun kann? Aber er kann den Finger für 2 Minuten länger werden lassen. Weil, das ist ja noch der zweite Witz an der Sache, der Finger bleibt ja nur kurz länger und nicht auf Dauer.
Bevor noch jemand anfängt, darüber nachzudenken was er eigentlich wirklich erzählt, kam zur Abwechslung ein Schwank aus seiner Jugend, wie er von einem Skeptiker zum Heiler wurde. Kurz gesagt, wieder sehr inhaltsloses Gerede. Er sprach viel, sagte aber wenig.

Giulia und ich hatten inzwischen genug gehört, und wollten uns endlich ins Getümmel stürzen. Also sind wir aus dem Vortragssaal verschwunden, und ins Obergeschoß zu den Austellern gegangen. Dort befand sich ein Vorraum, in dem man Bilder kaufen konnte, die irgendwelche Energien oder so abgeben sollten. Daneben standen Bücher und ein sogenannter Seelenzeichner, was im Prinzip aber auch nur ein Bleistiftportrait war.
Die meisten Stände würde man eher als Kunsthandwerksstände bezeichnen. Es gab Orgoniten und Kristalle, und alles was das Esoterikerherz begehrt. Darunter waren auch kleine, zylindrische Massagestäbe mit abgerundeten Ecken, welche dem Aussehen nach ein sehr weites „Einsatzspektrum“ abdeckten.

 

Steine und Kristalle für ein breites Einsatzspektrum

Giulia wollte unbedingt ein Orgoniten für Tobi kaufen. Wir standen bei einem Händer, der hatte von Pyramiden bis hin zu ovalen Amuletten alles Mögliche im Angebot. Er verkaufte auch sowas wie Untersetzer, welche das, was darauf abgestellt wird, energetisieren. Er hatte sein Wasser darauf zu stehen und seine Begleiterin nippte auch todesmutig davon, aber im Gespräch war schon zu merken, dass er das selbst dann doch nicht wirklich glaubt.

Wunderschön anzusehen: bunte Orgonite.

Während Giulia mit dem Händler sprach, hab ich mich mal umgeschaut. Der Stand rechts daneben verkaufte Kristallfiguren, links war ein Stand für eine Ausbildung zum Heilpraktiker. Gegenüber konnte man sich aus der Hand lesen lassen. Und am Nachbartisch gab es Kaffeebonbons, mit denen wir uns frech eindeckten.
Giulia hat sich dann für einen kleinen, rötlichen Orgoniten für 20€ entschieden, der immerhin künstlerisch wertvoll und von der Verarbeitung schon sehr gut ist.
Bei anderen Ständen gab es Symbole zu kaufen, die Wasser energetisieren. Dazu dann Wasserfilter, Tees, Kräuter und all sowas. Andere Stände boten Hellsehen und Handlesen an, zum Teil auch als Lehrgang. Man konnte auch seine Aura fotografieren lassen, was mit 30 Euro ganz schön happig ist – für nen Foto. Also selbst von der Polizei gab’s schon günstigere Aufnahmen. Dafür ist das Bild aber schön bunt und wird noch von einer „Expertin“ (Tut mir leid, aber in dem Zusammenhang kann ich das Wort Experte nicht ohne Anführungszeichen schreiben) interpretiert. Nicht zu vergessen ist, natürlich hatte auch AstroTV (Golder Aluhut-Preisträger 2016) einen Stand vor Ort. Wobei Stand schon fast untertrieben ist, da sie ein Durchgangszimmer komplett für sich hatten und beidseitig des Ganges vertreten waren.

Zumindest subjektiv war das Publikum bei den Ausstellern eher jung und überwiegend weiblich. Während in dem Vortrag das Publikum noch deutlich älter war (gefühlt war dort der Durchschnitt über 60), lag es auf der Messe eher unter 30 Jahren. ‘Subjektiv’ deswegen, weil ich ein anderes Publikum erwartet hätte und unterbewusst vielleicht doch eine Bestätigung meiner Erwartungen gesucht habe.

 

Blick in einen der Ausstellungsräume

Nun, der Rest ist schnell erzählt. Im Prinzip waren wir durch die Stände schnell durch, da die Messe nicht sehr groß war. Ich persönlich hab mich da etwas zu fremd gefühlt, um mich noch länger dort aufzuhalten, und Giulia ging es da genauso, wie wir später feststellten. Wir haben uns noch mit Werbeflyern und kostenlosen Esoterikheftchen eingedeckt, die wir in einer Papiertüte sammelten, welche das Konterfei einer Heilerin & Heilpraktikerin trug. Giulia verstaute die Tüte sicherheitshalber noch in einer NWO-Staff Stofftasche aus unserem Shop, bevor wir die Messe verließen. Auf der Straße mit einer Heilpraktikerwerbetüte von einer Esoterikmesse herumlaufen, war uns dann doch etwas zu peinlich.

Vielleicht bis zur nächsten Esoterikmesse im September.
Euer Stefan
(Fotos: Giulia Silberberger)

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